Personsein
Personsein ist die “erste Wirklichkeit” des Menschen: das geistige Substanzsein im Leib, das allem Tun und allen Fähigkeiten zugrunde liegt und sie erst ermöglicht. Es ist nicht eine Eigenschaft, die zum Menschen hinzukommt, sondern das, was der Mensch von Grund auf ist. Die klassische Philosophie drückt dies im Grundsatz agere sequitur esse aus — das Handeln folgt dem Sein, nicht umgekehrt.
Personsein ist ein Urphänomen: eine nicht weiter ableitbare Grundgegebenheit, die sich nicht auf Unpersönliches zurückführen lässt. Es lässt sich nicht wie ein zusammengesetzter Gegenstand in Teile zerlegen; entweder wird das einzigartig-individuelle Sein der Person schauend anerkannt — oder es wird verfälscht (vgl. Bexten 2017, S. 137—145). Das Personsein unterscheidet sich grundlegend vom Personverhalten: Personsein ist das, was jemand ist; Personverhalten ist das, was jemand tut. Das eine geht dem anderen ontologisch voraus.
Das menschliche Personsein entfaltet sich in drei Dimensionen, die aufeinander aufbauen: dem grundlegenden geistigen Dasein, dem bewussten freien Personsein und der sittlichen Vervollkommnung. Da Personsein in der ersten Dimension gründet, kann es nicht durch den Verlust von Fähigkeiten verloren gehen. Der schlafende Mensch, der Embryo und der Mensch mit schwerer Demenz sind und bleiben Personen — denn Personsein hängt nicht an der Entfaltung von Fähigkeiten, sondern am Sein selbst. Robert Spaemann formuliert: “Wer jemand ist, war es immer.”
Kapitelzuordnung: Kapitel 4: Was ist menschliches Personsein?, Kapitel 1: Einleitung
Ontologische Beziehungen:
- disjunkt mit: Personverhalten
- geht ontologisch voraus: Personverhalten
- hat Wertantwort: Personalistische Norm
- wird vorausgesetzt von: Personverhalten
Siehe auch: Person, Personverhalten, Substanz, Würde, Seele, Leib, Leib-Seele-Einheit, Erste Dimension, Zweite Dimension, Dritte Dimension, Akt und Potenz, Jemand, Embryo, Personales Leben, Personvergessenheit, Erkenntnis, Menschliche Person, Natur, Urphänomen, Personalistische Norm, Agere sequitur esse, Form und Stoff, Freiheit, Liebe, Selbstbewusstsein, Vernunft, Innerlichkeit, Intentionalität, Selbsttranszendenz, Bejahung, Basale Relationen, Personbegriff, Substanzontologischer Personbegriff, Metaphysik, Wesensgesetz, Demenz, Befruchtung, Wahrheit, Biologisches Leben, Einsicht, Robert Spaemann, Hedwig Conrad-Martius, Thomas von Aquin, Boëthius, Martin Heidegger, Kapitel 4: Personsein, Kapitel 1: Einleitung