Der menschliche Leib ist kein bloßer Körper im Sinne eines Materieklumpens, sondern ein beseelter Leib: durchformt von der Geistseele, dem geistigen Lebensprinzip des Menschen. Er besteht aus denselben chemischen Elementen wie jeder andere Körper — Kohlenstoff, Wasserstoff, Sauerstoff, Stickstoff —, aber er ist von innen her durch das geistige Lebensprinzip zu einem lebendigen Ganzen gemacht. Der Leib ist nicht das Gefängnis der Seele und die Seele nicht der Passagier des Leibes: Der Mensch ist sein Leib, und er ist seine Seele — er ist beides zugleich und untrennbar.

Der Leib der Person drückt die metaphysische Erhabenheit und unverlierbare personale Würde des Menschen aus. Das menschliche Gesicht strahlt das personale Selbst aus und macht den anderen als Jemand erfahrbar. Jede Tätigkeit des menschlichen Leibes — selbst die scheinbar “nur biologischen” Vorgänge — ist beim Menschen immer auch personal geprägt: Das menschliche Essen ist nicht dasselbe wie das tierische Fressen, der menschliche Beischlaf nicht bloß tierische Begattung, sondern ein personaler Akt (vgl. Bexten 2017, S. 165—175).

Die Form-Stoff-Unterscheidung zeigt: Der Stoff allein erklärt den Menschen nicht. Aus Atomen kann man Moleküle machen, aus Molekülen Zellen — aber aus Zellen kann man keinen Gedanken machen, keinen freien Willensentschluss, keine Liebe. Der Leib ist die materielle Seite der Leib-Seele-Einheit, in der das Personsein als geistiges Substanzsein im Leib verwirklicht ist. Diese Einheit besteht von Anfang an: Schon der Embryo hat einen beseelten Leib, durchformt von seinem geistigen Lebensprinzip.

Kapitelzuordnung: Kapitel 4: Was ist menschliches Personsein? (bes. 4.3, 4.6.5)

Bräutliche Bedeutung des Leibes

Die bräutliche Bedeutung des Leibes bezeichnet die dem menschlichen Leib innewohnende Fähigkeit, die Liebe auszudrücken, in der die Person zur Gabe wird und den Sinn ihres Seins erfüllt. Diese Bedeutung ist nicht auf die eheliche Liebe beschränkt, sondern betrifft jede Form der personalen Selbsthingabe. Der Leib ist nicht nur Materie, sondern Ausdruck der Innerlichkeit der Person und ihrer Hinordnung auf das Du. In der bräutlichen Bedeutung offenbart sich, dass der Mensch sich selbst nur findet, indem er sich verschenkt.

Karol Wojtyła hat diese Dimension in seinen Katechesen über die Theologie des Leibes entfaltet. Er zeigt, dass die Sprache des Leibes eine Wahrheit über die Person aussagt, die über das bloß Biologische hinausgeht.

Ontologische Einordnung: Oberbegriff: Seiendes

Bräutliche Liebe

Die bräutliche Liebe (amor sponsalis) ist die höchste Form der personalen Liebe zwischen Mann und Frau. Sie ist gekennzeichnet durch Totalität (Hingabe der ganzen Person), Exklusivität, Unauflöslichkeit und Offenheit für neues Leben. Wojtyła beschreibt sie als die vierte und höchste Stufe der Liebe nach attractio, concupiscentia und benevolentia.

In der bräutlichen Liebe verwirklicht sich die ursprüngliche Einheit der Geschlechter in ihrer tiefsten personalen Gestalt. Sie setzt Selbstbeherrschung und Integration der Person voraus, weil nur eine Person, die sich selbst besitzt, sich wahrhaft hingeben kann. Die bräutliche Liebe absorbiert die Scham, weil die Person weiß, als Person und nicht als Objekt gesehen zu werden.

Siehe auch: Liebe, Person, Mann, Frau, Ursprüngliche Einheit, Ursprüngliche Nacktheit, Ureinsamkeit, Selbstbeherrschung, Integration der Person, Verhütungsmittel

Leibliche Integrität

Die leibliche Integrität bezeichnet die Unversehrtheit und Ganzheit des menschlichen Leibes als konstitutiver Dimension der Person. Sie ist kein bloßes physisches Gut, sondern ein personales Gut, weil der Leib nicht Besitz der Person ist, sondern die Person selbst in ihrer leiblichen Dimension. Jede Instrumentalisierung des Leibes verletzt daher die Person als ganze.

Die leibliche Integrität gründet in der Leib-Seele-Einheit. Weil der Mensch sein Leib ist und ihn nicht bloß hat, betrifft jeder Eingriff in die leibliche Integrität die Person in ihrer Würde. Die Achtung der leiblichen Integrität ist eine unmittelbare Forderung der Personalistischen Norm.

Ontologische Einordnung: Oberbegriff: Personales Gut

Leibliche Nähe

Die leibliche Nähe bezeichnet die räumliche Nähe zwischen Leibern als Bedingung interpersonaler Begegnung. Sie ermöglicht Berührung, Blickkontakt und Gespräch — die grundlegenden Weisen, in denen Personen einander als Jemand begegnen. Weil die menschliche Person wesentlich leiblich verfasst ist, setzt die Aktualisierung der zweiten Dimension des Personseins — die interpersonale Begegnung — leibliche Nähe voraus. Besonders in der austragenden Mutterschaft zeigt sich eine einzigartige Form leiblicher Nähe: neun Monate unvergleichlicher leiblicher Verbundenheit zwischen Mutter und Kind.

Ontologische Einordnung: Oberbegriff: Räumliche Entität

Leibliche Räumlichkeit

Die leibliche Räumlichkeit bezeichnet die spezifische Weise, in der der menschliche Leib im Raum ist. Sie unterscheidet sich grundlegend von der bloßen räumlichen Ausdehnung physikalischer Objekte (vgl. Bexten 2017, S. 167 ff.).

Während ein Stein schlicht eine Raumstelle einnimmt, ist der Leib der Person gelebter Raum: Die Person wohnt in ihrem Leib, sie erfährt ihn als Zentrum ihrer Weltbezüge. Der Leib eröffnet ein „Hier”, von dem aus sich das räumliche Umfeld als bedeutsames Handlungsfeld erschließt. Diese Räumlichkeit ist Ausdruck der Leib-Seele-Einheit — der Leib ist nicht ein Körper, in dem eine Seele steckt, sondern die Person ist leiblich im Raum gegenwärtig. Wojtyła betont, dass die leibliche Räumlichkeit die Möglichkeit interpersonaler Begegnung eröffnet: Nur weil Personen leiblich im Raum sind, können sie einander sinnlich wahrnehmen und sich einander zuwenden.

Leibliche Selbsthingabe

Die leibliche Selbsthingabe ist ein personaler Akt, in dem sich die Person durch ihren Leib einem anderen Menschen ganz schenkt. Weil der Mensch eine Leib-Seele-Einheit ist, ist die leibliche Hingabe nie bloß ein körperlicher Vorgang: Sie drückt die Hingabe der ganzen Person aus und hat daher eine Tiefe, die über das rein Physische hinausgeht.

In der ehelichen Vereinigung findet die leibliche Selbsthingabe ihren eigentlichen Ort. Hier schenken sich zwei Personen einander in einer Weise, die die Communio personarum in ihrer tiefsten Form verwirklicht. Karol Wojtyła hat herausgearbeitet, dass die leibliche Selbsthingabe die “Sprache des Leibes” spricht. Sie sagt mit dem Leib, was die Person als ganze meint — nämlich die bedingungslose Bejahung des Anderen.

Wo die leibliche Vereinigung ohne diese personale Hingabe stattfindet, wird die Sprache des Leibes zur Lüge. Es droht die Instrumentalisierung der Person. Die Personalistische Norm fordert, dass die leibliche Selbsthingabe stets Ausdruck wirklicher Liebe ist und nicht des bloßen Gebrauchs.

Sprache des Leibes

Die Sprache des Leibes ist der personale Ausdruck der inneren Wirklichkeit der Person durch den Leib. Diese Sprache kann wahr sein — wenn leiblicher Ausdruck und personale Haltung übereinstimmen. Oder falsch — wenn ein Widerspruch zwischen Ausdruck und Haltung besteht, etwa bei einer leiblichen Vereinigung ohne personale Bindung.

Karol Wojtyła hat in seinen Katechesen über die Theologie des Leibes gezeigt, dass der Leib eine eigene Ausdruckssprache besitzt, die über das bloß Biologische hinausgeht. Die Sprache des Leibes steht in engem Zusammenhang mit der bräutlichen Bedeutung des Leibes, denn in ihr offenbart sich die Fähigkeit der Person zur Selbsthingabe. Die Wahrheit der Leibessprache ist ein Ausdruck der Leib-Seele-Einheit. Wo der Leib etwas anderes sagt als die Person meint, wird die Einheit von Innen und Außen zerrissen.

Ontologische Einordnung: Oberbegriff: Seiendes

Siehe auch

Quellenangaben: Bexten 2017, S. 210–222, 246–258 (Leib und erste Dimension).

Weitere Quellen:

  • Wojtyła, Karol (1969): Osoba i czyn. Kraków (dt.: Person und Tat, Freiburg: Herder, 1981). (zur Theologie des Leibes und bräutlichen Bedeutung)

Ontologische Einordnung: Oberbegriff: Materie