Naturwissenschaft ist diejenige Wissenschaft, die durch empirische Beobachtung, Experiment und Induktion kontingente Tatsachen über die materielle Welt erforscht. Ihre Methode beschränkt sich bewusst auf das Messbare, Wiederholbare und Falsifizierbare. Diese methodische Selbstbeschränkung wird oft als methodologischer Naturalismus bezeichnet — eine Bezeichnung, die Plantinga kritisiert, weil sie eine philosophische Vorentscheidung als methodische Notwendigkeit darstellt (s. unten).
Reichweite und Grenze
Die Stärke der Naturwissenschaft liegt in ihrer methodischen Strenge: Sie fragt nach den kausalen Zusammenhängen materieller Vorgänge und hat damit Erkenntnisse von enormer Tragweite erbracht. Ihre Grenze liegt genau dort, wo ihre Methode aufhört: Sie kann nur das erfassen, was sich quantifizieren, messen und experimentell reproduzieren lässt.
Personsein ist keine empirisch messbare Eigenschaft. Es ist weder ein physikalischer Parameter noch ein biologischer Befund, sondern eine ontologische Wirklichkeit, die sich der naturwissenschaftlichen Methode prinzipiell entzieht. Die Naturwissenschaft kann daher den genuinen Personbegriff methodisch weder bejahen noch verneinen — nicht aus Schwäche, sondern aus methodischer Selbstbeschränkung.
Abgrenzung von Szientismus
Der Szientismus verwandelt diese methodische Selbstbeschränkung in eine ontologische These: Nur was naturwissenschaftlich messbar ist, sei wirklich. Das ist ein philosophischer Fehlschluss — ein Übergriff der Methode auf das Sein. Die Naturwissenschaft selbst behauptet das nicht; der Szientismus legt es ihr in den Mund.
Husserl hat in der Krisis gezeigt, dass die Naturwissenschaft die Lebenswelt — die vorwissenschaftliche Erfahrungswelt — stillschweigend voraussetzt. Die Naturwissenschaft ruht auf Fundamenten, die sie selbst nicht legen kann: auf der Erfahrung des erkennenden Subjekts, auf Logik, auf dem Prinzip der Widerspruchsfreiheit. Diese Fundamente gehören der Philosophie.
Kritik am methodologischen Naturalismus
Der methodologische Naturalismus — die Forderung, Wissenschaft dürfe nur natürliche Ursachen zulassen — ist keine notwendige Bedingung für Wissenschaft, sondern eine philosophische Vorentscheidung. Alvin Plantinga hat gezeigt, dass Newton, Kepler und Boyle Wissenschaft explizit im Rahmen theistischer Überzeugungen betrieben. Wird der methodologische Naturalismus verabsolutiert, führt er zum Szientismus: aus „Wissenschaft findet keine übernatürlichen Ursachen” wird der Fehlschluss, es gebe keine.
Plantingas Evolutionary Argument Against Naturalism (EAAN) zeigt darüber hinaus, dass der ontologische Naturalismus sich selbst aufhebt: Wenn unsere kognitiven Fähigkeiten nur auf adaptives Verhalten selektiert wurden, gibt es keinen Grund, ihnen Wahrheitsfähigkeit zuzutrauen — und damit auch keinen Grund, den Naturalismus selbst für wahr zu halten.
Max Planck hat diese Kritik aus der Naturwissenschaft selbst formuliert: Die Naturwissenschaft setzt die Existenz einer realen Außenwelt, die Geltung der Kausalität und die Reproduzierbarkeit von Messungen voraus — Voraussetzungen, die nicht empirisch gewonnen, sondern metaphysisch sind. Konsequenter Positivismus münde in „unvernünftigen Solipsismus”.
Verhältnis zur Philosophie
Naturwissenschaft und Philosophie stehen nicht im Widerspruch, sondern ergänzen sich, sofern jede ihre Grenzen achtet. Die Naturwissenschaft erforscht die kontingenten Tatsachen der materiellen Welt; die Philosophie fragt nach den notwendigen Strukturen des Seins, nach dem Wesen der Person, nach dem Guten und Wahren. Konflikte entstehen erst, wenn eine Seite die Zuständigkeit der anderen beansprucht.
Ontologische Einordnung
Oberbegriffe: Wissenschaft
Ontologische Beziehungen:
- ist Unterklasse von: Wissenschaft
- setzt voraus: Sinnliche Erkenntnis
- wird illegitim universalisiert durch: Szientismus
- ergänzt sich mit: Philosophie
- wird ontologisch begründet durch: Philosophie, Lebenswelt
Kapitelzuordnung: Kapitel 2: Methode
Siehe auch
- Wissenschaft
- Philosophie
- Szientismus
- Lebenswelt
- Phänomenologische Methode
- Personsein
- Edmund Husserl
- Alvin Plantinga
- Max Planck
- Positivismus
- Solipsismus
- Causa finalis
- Duhem-Quine-These
- Falsifikationismus
- Pierre Duhem
- Willard Van Orman Quine
Quellenangaben: Husserl, Edmund (1936): Die Krisis der europäischen Wissenschaften und die transzendentale Phänomenologie. Husserliana Bd. VI, Den Haag: Nijhoff 1954.
Weitere Quellen:
- Plantinga, Alvin (2011): Where the Conflict Really Lies: Science, Religion, and Naturalism. New York: Oxford University Press.
- Planck, Max (1937): „Religion und Naturwissenschaft”. In: Vorträge und Erinnerungen. Stuttgart: Hirzel, 1949, S. 318–333.