Die Münchener-Göttinger Schule ist die bedeutendste Strömung der realistischen Phänomenologie. Ihr gehören Denker an, die — ausgehend von Husserls früher Phänomenologie — einen eigenen Weg einschlugen: Sie verstanden die phänomenologische Methode nicht als Rückgang auf das transzendentale Bewusstsein, sondern als Zugang zu den Sachen selbst, zur Wirklichkeit, wie sie sich zeigt. In München lehrte Alexander Pfänder, in Göttingen sammelten sich Husserls begabteste Schüler: Adolf Reinach, Max Scheler, Edith Stein, Hedwig Conrad-Martius und Dietrich von Hildebrand.
Was diese Denker eint, ist die Überzeugung, dass die Phänomenologie eine realistische Philosophie sein muss — dass sie die Strukturen der Wirklichkeit selbst aufdeckt und nicht bloß die Strukturen unseres Bewusstseins beschreibt. Damit stehen sie in einem grundsätzlichen Gegensatz zur transzendentalidealistischen Wendung, die Husserl selbst ab den Ideen (1913) vollzog. Reinach entdeckte die apriorischen Strukturen des Rechts, Scheler die materiale Wertordnung und das materiale Apriori, Stein die Konstitution der Person in Leib, Seele und Geist, Conrad-Martius die Realontologie der Natur, Hildebrand die Eigengesetzlichkeit der sittlichen Werte und der Wertantwort.
Für die Frage nach dem Personsein ist diese Schule von kaum zu überschätzender Bedeutung. Denn sie hat gezeigt, dass sich über das Wesen der Person philosophisch strenge, sachhaltige Aussagen treffen lassen — weder durch bloße Begriffsanalyse noch durch empirische Verallgemeinerung, sondern durch sorgfältige Wesenserschauung. Die Synthese von Phänomenologie und Thomismus, die später vor allem Stein, Wojtyła und Seifert erarbeiteten, steht auf den Schultern dieser Schule.
Quellenangaben: Bexten 2017, S. 92—155 (Übersicht über die phänomenologischen Personalisten).
Weitere Quellen:
- Reinach, Adolf (1913): „Die apriorischen Grundlagen des bürgerlichen Rechtes”. Jahrbuch für Philosophie und phänomenologische Forschung I/2, S. 685—847.
- Conrad-Martius, Hedwig (1923): „Realontologie”. Jahrbuch für Philosophie und phänomenologische Forschung 6, S. 159—333.
- Scheler, Max (1913/16): Der Formalismus in der Ethik und die materiale Wertethik. Halle: Niemeyer.