Innere Trennung der Person von der bräutlichen Bedeutung des Leibes. Nicht der Geschlechtstrieb selbst (dieser ist ontologisch gut), sondern eine Störung in der Haltung der Person: Der Andere wird auf ein Objekt des Begehrens reduziert. Hildebrand identifiziert die Konkupiszenz als eine der zwei Grundwurzeln des sittlich Bösen (neben superbia, dem Hochmut). Thomas von Aquin behandelt sie in S.Th. I-II, q.77 als eine Ursache der Sünde.
Die Konkupiszenz ist wesentlich eine Verfehlung gegen die Personalistische Norm: Wo der Andere zum Objekt des Begehrens wird, wird er instrumentalisiert. Seine Würde als Person wird missachtet. Dies geschieht nicht erst im äußeren Handeln, sondern bereits in der inneren Haltung. Der begehrliche Blick, von dem die Schrift spricht, ist bereits eine Form der Konkupiszenz. Er reduziert die Person auf ihren Leib und den Leib auf ein Objekt der Lust.
Die Konkupiszenz steht damit in diametralem Gegensatz zur Selbsthingabe, die den Anderen als Person bejaht und sich ihm um seiner selbst willen schenkt (vgl. Bexten 2017, S. 210–218).
Entscheidend ist die personalontologische Unterscheidung: Der Geschlechtstrieb als solcher ist ontologisch gut. Er gehört zur leiblichen Natur der Person und ist auf die Communio Personarum hingeordnet. Die Konkupiszenz ist nicht der Trieb selbst, sondern dessen Entstellung durch eine Haltung, die den personalen Charakter der Sexualität verkennt.
Die Keuschheit ist die Tugend, die der Konkupiszenz entgegenwirkt. Sie integriert die Sinnlichkeit in den Dienst der personalen Liebe und ermöglicht so die leibliche Selbsthingabe. Konkupiszenz und Keuschheit sind daher ontologisch disjunkt. Sie schließen einander aus wie Instrumentalisierung und Bejahung der Person.
Ontologische Einordnung:
- Oberbegriff: Seiendes
- disjunkt mit: Selbsthingabe, Keuschheit
Ontologische Beziehungen:
- verstößt gegen: Personalistische Norm
- reduziert die Person auf: Objekt des Begehrens
- steht im Gegensatz zu: Selbsthingabe, Keuschheit
- manifestiert sich in: Begehrlicher Blick
Kapitelzuordnung: Kapitel 4: Personsein, Kapitel 5: Personvergessenheit
Keuschheit
Die Tugend der Integration der Sinnlichkeit und des Gefühlslebens in den Dienst der personalen Liebe. Keuschheit ist NICHT Unterdrückung der Sexualität, sondern deren Eingliederung in die personale Selbstbestimmung. Sie setzt Selbstbeherrschung voraus und ermöglicht Selbsthingabe.
Das personalontologische Verständnis der Keuschheit unterscheidet sich grundlegend von einer rein negativen Auffassung, die Keuschheit als bloße Enthaltsamkeit oder Triebunterdrückung missversteht. Im thomistisch-personalistischen Rahmen ist Keuschheit eine positive Tugend. Sie befähigt die Person, ihre Sinnlichkeit und ihr Gefühlsleben so zu ordnen, dass sie in den Dienst der personalen Liebe treten können. Der Leib wird nicht als Feind der Sittlichkeit betrachtet, sondern als Ausdrucksfeld der Person, das durch die Keuschheit seine personale Bedeutung entfalten kann (vgl. Bexten 2017, S. 210–218).
Keuschheit steht in ontologischer Disjunktion zur Konkupiszenz. Wo die Konkupiszenz den Anderen auf ein Objekt des Begehrens reduziert, ermöglicht die Keuschheit, den Anderen als Person zu sehen und ihm in der leiblichen Begegnung als Person zu begegnen. Die keusche Person beherrscht nicht ihren Leib gegen ihre Natur, sondern verwirklicht ihre Natur in ihrer vollen personalen Tiefe.
Freiheit ist dabei die entscheidende Voraussetzung: Nur wer sich selbst beherrscht (Selbstbeherrschung), kann sich selbst schenken (Selbsthingabe). Die Keuschheit ist damit die Tugend, die die leibliche Dimension der personalen Liebe schützt und zur Entfaltung bringt.
Als Tugend ist Keuschheit eine habituell gewordene Haltung, die durch wiederholte freie Akte erworben und gefestigt wird. Sie ist nicht ein einmaliger Entschluss, sondern eine beständige Formung des Charakters, die die ganze Person — Leib, Seele und Geist — durchdringt und auf die personale Liebe hin ordnet.
Ontologische Einordnung:
- Oberbegriff: Tugend
- disjunkt mit: Konkupiszenz
Ontologische Beziehungen:
- ermöglicht: Selbsthingabe, Leibliche Selbsthingabe
- setzt voraus: Selbstbeherrschung, Freier Wille
- steht im Gegensatz zu: Konkupiszenz
- dient der: Personale Liebe
Kapitelzuordnung: Kapitel 4: Personsein
Quellenangaben: Bexten 2017, S. 271–289 (Dritte Dimension und Konkupiszenz).
Weitere Quellen:
- Dietrich von Hildebrand: Sittlichkeit und ethische Werterkenntnis (1922). Halle: Niemeyer. (Konkupiszenz als Grundwurzel des sittlich Bösen)
- Thomas von Aquin: Summa Theologiae I-II, q.77 (Konkupiszenz als Ursache der Sünde)
- Karol Wojtyła: Liebe und Verantwortung (1960). Towarzystwo Naukowe KUL, Lublin. (bräutliche Bedeutung des Leibes und personale Liebe)
Siehe auch: Leib, Person, Instrumentalisierung, Keuschheit, Selbsthingabe, Begehrlicher Blick, Personalistische Norm, Würde, Dietrich von Hildebrand, Thomas von Aquin
Siehe auch: Tugend, Mann, Frau, Selbsthingabe, Konkupiszenz, Personale Liebe, Leib, Freiheit, Freier Wille, Person, Leibliche Selbsthingabe, Karol Wojtyła, Selbstbeherrschung, Integration der Person, Bräutliche Bedeutung des Leibes