Reue ist der personale Akt, in dem der Mensch seine eigene Schuld erkennt, sie als Verfehlung anerkennt und sich innerlich von ihr abwendet. Sie setzt Freiheit, Selbstbewusstsein und Gewissen voraus: Nur wer sich als Urheber seiner Handlungen weiß und das Gute vom Bösen zu unterscheiden vermag, kann bereuen.

Reue ist mehr als bloßes Bedauern über unerwünschte Folgen. Sie ist ein Akt der Innerlichkeit, in dem die Person sich selbst in ihrer Verfehlung erblickt und die Entscheidung trifft, anders zu werden. Damit gehört die Reue zur dritten Dimension des Personseins: Sie ist ein freier Akt der Selbstbestimmung, durch den der Mensch seine sittliche Verfehlung nicht leugnet, sondern annimmt und überwindet. Die Möglichkeit der Reue zeigt, dass der Mensch nicht auf seine Fehler festgelegt ist — er kann umkehren. Sie ist das innere Gegenstück zum Verzeihen, das von der anderen Person kommt: Reue öffnet den Weg, den das Verzeihen vollendet.

Sühne

Der bewusste Akt, durch den die schuldige Person die gestörte sittliche Ordnung wiederherzustellen sucht. Sühne ergänzt Reue (als innere Haltung) und Wiedergutmachung (als materielle Behebung) um die sittlich-geistige Dimension.

Sühne als personaler Akt

Thomas von Aquin versteht Sühne (satisfactio) als einen Akt, der Reue voraussetzt und sie durch die aktive Übernahme einer der Schuld angemessenen Last ergänzt. Sühne ist damit zutiefst personal: Nur eine Person kann sühnen, weil nur sie Freiheit, Gewissen und Selbstbewusstsein besitzt. Sühne gehört zur Dritten Dimension des Personseins — der sittlichen Vervollkommnung.

Unterschied zur Wiedergutmachung

Während Wiedergutmachung den konkreten Schaden behebt (materielle Dimension), richtet sich Sühne auf die gestörte sittliche Ordnung selbst (geistige Dimension). Wiedergutmachung fragt: Was kann repariert werden? Sühne fragt: Wie steht die Person zu ihrer eigenen Schuld? Beides ist notwendig, aber Sühne geht tiefer — sie betrifft das Verhältnis der Person zur Wahrheit über sich selbst und zur Personalistischen Norm, die sie verletzt hat.

Wiedergutmachung

Die Handlung, durch die eine schuldige Person den angerichteten Schaden soweit möglich behebt. Wiedergutmachung ist Teil des Versöhnungsprozesses.

Unterschied zur Sühne

Wiedergutmachung und Sühne werden oft verwechselt, sind aber ontologisch verschieden:

  • Wiedergutmachung betrifft die materielle Dimension: den konkreten Schaden, der einer Person zugefügt wurde. Sie fragt: Was kann getan werden, um die äußeren Folgen der Schuld zu beheben? Wiedergutmachung richtet sich auf das Geschädigte — die verletzte Würde, den verursachten Verlust, die zerstörte Beziehung.
  • Sühne betrifft die sittlich-geistige Dimension: die gestörte sittliche Ordnung selbst. Sie fragt: Wie kann die Person sich zur eigenen Schuld verhalten? Sühne ist der bewusste Akt, durch den die schuldige Person die gestörte Ordnung wiederherzustellen sucht — durch die aktive Übernahme einer der Schuld angemessenen Last.

Wiedergutmachung hebt den Schaden auf, soweit das möglich ist. Sühne geht tiefer: Sie betrifft das Verhältnis der Person zu sich selbst, zum anderen und zur sittlichen Wahrheit. Beides setzt Freiheit und Gewissen voraus und gehört zur Dritten Dimension des Personseins.

Ontologische Beziehungen:

Quellenangaben: Bexten 2017, S. 279–283 (Verzeihen und Reue).

Weitere Quellen:

  • Thomas von Aquin: Summa Theologiae III, q. 85–90. (Sühne und satisfactio als Akt der Buße)
  • Hildebrand, D. von: Ethik (1973). In: Gesammelte Werke, Bd. II. Regensburg: Habbel. (Reue als sittliche Wertantwort)
  • Scheler, M.: Der Formalismus in der Ethik und die materiale Wertethik (1913/1916). Halle: Niemeyer. (Phänomenologie der Reue und Schuld)

Ontologische Beziehungen:

Siehe auch: