Die Frage nach den Existenzformen ist die Frage, auf welche verschiedenen Weisen Seiendes ist. In der thomistisch-personalistischen Ontologie wird zwischen dem Sein der unbelebten Natur, dem biologischen Leben und dem geistigen Personsein unterschieden; diese Existenzformen bilden keine bloße Stufenleiter, sondern unterscheiden sich wesentlich im Seinsmodus. Das Personsein stellt die höchste Existenzform dar, weil es geistiges Substanzsein im Leib ist — ein Sein, das sich selbst gegeben ist und sich in Erkenntnis, Freiheit und Liebe zu entfalten vermag. Die Existenzform des Personseins ist nicht aus niederen Seinsweisen ableitbar, sondern ein Urphänomen eigener Art (vgl. Bexten 2017, S. 137 ff.).
Seinsabgeleitetheit
Die Seinsabgeleitetheit ist eine Seinsbestimmung, der zufolge ein Seiendes sein Sein einem anderen Seienden verdankt. Es ist ens ab alio — ein Seiendes von einem anderen her. Diese Bestimmung drückt die ontologische Kontingenz aus: Das Seiende existiert, muss aber nicht existieren; es hätte auch nicht sein können. Die Seinsabgeleitetheit bildet das disjunkte Gegenstück zur Seinsursprünglichkeit (vgl. Bexten 2017, S. 120—128).
Alle geschaffenen Seienden ohne Ausnahme — Steine, Pflanzen, Tiere und Personen — sind seinsabgeleitet. Nur das Absolute Sein (Gott) ist seinsursprünglich. Thomas von Aquin begründet dies mit der realen Verschiedenheit von Sein und Wesen in allen geschöpflichen Seienden. Wo Sein und Wesen nicht identisch sind, muss das Sein von anderswoher empfangen werden.
Die Seinsabgeleitetheit impliziert die Seinsabhängigkeit, ist aber begrifflich von ihr zu unterscheiden. Die Seinsabgeleitetheit betrifft den Ursprung des Seins (woher?). Die Seinsabhängigkeit betrifft die Erhaltung im Sein (wodurch fortbestehend?).
Ontologische Beziehungen:
- ist Unterklasse von: Existenzform
- (invers) ist disjunkt mit: Seinsursprünglichkeit
Seinsabhängigkeit
Die Seinsabhängigkeit ist eine Seinsbestimmung, der zufolge ein Seiendes nach seiner Entstehung einer fortdauernden kausalen Erhaltung durch ein anderes Seiendes bedarf, um im Sein zu bleiben. Sie bildet das Gegenstück zur Seinsunabhängigkeit und gehört zu den grundlegenden existentialen Bestimmungen, die Seifert im Anschluss an die realistische Ontologie systematisiert (vgl. Bexten 2017, S. 120—128).
Die Seinsabhängigkeit ist von der Seinsunselbständigkeit zu unterscheiden. Die Seinsunselbständigkeit besagt, dass ein Seiendes ein anderes als ontologisches Fundament benötigt (wie das Akzidenz die Substanz). Die Seinsabhängigkeit hingegen meint die kausale Erhaltung im Sein.
Ein geschaffenes Seiendes kann durchaus seinsselbständig (substantiell für sich bestehend) und zugleich seinsabhängig sein. Es bedarf der erhaltenden Ursächlichkeit Gottes, obwohl es kein ontologisches Trägerfundament braucht. Die menschliche Person ist in diesem Sinne seinsabhängig und zugleich seinsselbständig.
Ontologische Beziehungen:
- ist Unterklasse von: Existenzform
- (invers) ist disjunkt mit: Seinsunabhängigkeit
Seinsautonomie
Die Seinsautonomie ist eine Seinsbestimmung, der zufolge ein Seiendes sein Sein in sich selbst besitzt und nicht als Produkt oder Korrelat eines es konstituierenden Bewusstseins. Sie bildet das disjunkte Gegenstück zur Seinsheteronomie. Als ontologische Kategorie richtet sie sich ausdrücklich gegen den transzendentalen Idealismus, der das Sein der Gegenstände auf Bewusstseinskonstitution zurückführt (vgl. Bexten 2017, S. 120—128).
Im Rahmen der realistischen Ontologie, wie sie Seifert und Thomas von Aquin vertreten, kommt die Seinsautonomie allen realen Seienden zu. Steine, Pflanzen, Tiere und Personen existieren unabhängig davon, ob ein Bewusstsein sie wahrnimmt oder intentional konstituiert.
Die Seinsautonomie ist von der Seinsselbständigkeit zu unterscheiden. Die Seinsselbständigkeit meint das Nicht-Angewiesensein auf ein ontologisches Trägerfundament. Die Seinsautonomie bezeichnet das Nicht-Angewiesensein auf ein konstituierendes Bewusstsein. So kann auch ein Akzidenz seinsautonom sein (es existiert real, nicht nur im Bewusstsein), obwohl es seinsunselbständig ist.
Ontologische Beziehungen:
- ist Unterklasse von: Existenzform
- ist disjunkt mit: Seinsheteronomie
Seinsheteronomie
Die Seinsheteronomie ist eine Seinsbestimmung, der zufolge ein Seiendes sein Sein einem es konstituierenden Bewusstsein verdankt. Seinsheteronome Gegenstände existieren nicht unabhängig vom Bewusstseinsakt, der sie hervorbringt oder aufrechterhält — sie sind rein intentionale Gegenstände. Diese Kategorie geht wesentlich auf Ingarden zurück, der sie in seiner Ontologie der intentionalen Gegenständlichkeiten systematisch entfaltet hat (vgl. Bexten 2017, S. 120—128).
Typische Beispiele seinsheteronomer Gegenstände sind fiktionale Figuren, literarische Welten und andere Produkte schöpferischer Bewusstseinstätigkeit: Hamlet existiert nur, sofern und soweit ein Bewusstsein ihn konstituiert. Die Seinsheteronomie bildet das disjunkte Gegenstück zur Seinsautonomie, die allen realen Seienden zukommt. Für die Ontologie der Person ist die Unterscheidung von entscheidender Bedeutung: Eine reale Person ist stets seinsautonom — sie verdankt ihr Sein nicht einem sie denkenden Bewusstsein. Der Begriffsinhalt hingegen ist als intentionaler Gehalt seinsheteronomer Natur.
Ontologische Beziehungen:
- (invers) ist disjunkt mit: Seinsautonomie
- ist Unterklasse von: Existenzform
Seinsselbständigkeit
Die Seinsselbständigkeit ist eine Seinsbestimmung, der zufolge ein Seiendes zu seiner Existenz keines anderen Seienden als ontologisches Fundament bedarf. Es besteht für sich selbst (ens per se) und inhäriert nicht einem Träger. Die Seinsselbständigkeit ist das grundlegende Merkmal der Substanz, im Unterschied zum Akzidenz, das nur an einem anderen bestehen kann (Seinsunselbständigkeit) (vgl. Bexten 2017, S. 120—128).
Für die Ontologie der Person ist die Seinsselbständigkeit von zentraler Bedeutung. Die Person ist als Substanz seinsselbständig. Sie ist kein bloßes Attribut, keine Eigenschaft und kein Zustand eines anderen Seienden, sondern ein eigenständig existierendes Jemand.
Die Seinsselbständigkeit ist von der Seinsunabhängigkeit zu unterscheiden. Ein Seiendes kann seinsselbständig sein (kein Trägerfundament brauchen) und dennoch seinsabhängig (der kausalen Erhaltung bedürftig). Ebenso ist die Seinsselbständigkeit nicht mit der Seinsautonomie gleichzusetzen, die eine eigenständige Seinsbestimmung bildet.
Ontologische Beziehungen:
- ist Unterklasse von: Existenzform
- ist disjunkt mit: Seinsunselbständigkeit
Seinsunabhängigkeit
Die Seinsunabhängigkeit ist eine Seinsbestimmung, der zufolge ein Seiendes nach seiner Entstehung keiner fortdauernden kausalen Erhaltung durch ein anderes Seiendes bedarf, um im Sein zu verbleiben. Sie bildet das disjunkte Gegenstück zur Seinsabhängigkeit (vgl. Bexten 2017, S. 120—128).
Ob die Seinsunabhängigkeit tatsächlich auf geschaffene Seiende zutrifft, ist innerhalb der thomistischen Tradition umstritten. Die klassische Position des Thomas von Aquin legt nahe, dass alle geschöpflichen Seienden der conservatio in esse durch Gott bedürfen und daher seinsabhängig sind. Die Seinsunabhängigkeit käme dann nur dem Absoluten Sein zu.
Seifert hingegen unterscheidet die Seinsunabhängigkeit sorgfältig von der Seinsursprünglichkeit. Ein Seiendes könnte seinen Ursprung einem anderen verdanken (seinsabgeleitet sein) und dennoch, einmal ins Sein gesetzt, keiner weiteren Erhaltung bedürfen. Die Seinsunabhängigkeit ist ferner von der Seinsselbständigkeit zu unterscheiden, die das Nicht-Angewiesensein auf ein ontologisches Trägerfundament meint.
Ontologische Beziehungen:
- ist Unterklasse von: Existenzform
- ist disjunkt mit: Seinsabhängigkeit
Seinsunselbständigkeit
Die Seinsunselbständigkeit ist eine Seinsbestimmung, der zufolge ein Seiendes eines anderen Seienden als ontologisches Fundament bedarf — es kann nicht für sich allein bestehen, sondern inhäriert einem Träger. Die Seinsunselbständigkeit bildet das disjunkte Gegenstück zur Seinsselbständigkeit und ist das grundlegende Merkmal des Akzidenz (vgl. Bexten 2017, S. 120—128).
Das klassische Beispiel ist die Farbe: Sie kann nicht ohne einen farbigen Körper existieren, sondern bedarf der Substanz als ihres Seinsträgers. Ebenso sind Relationen, Qualitäten und Quantitäten als akzidentelle Bestimmungen seinsunselbständig.
Die Seinsunselbständigkeit ist von der Seinsabhängigkeit zu unterscheiden. Die Seinsabhängigkeit betrifft die kausale Erhaltung im Sein. Die Seinsunselbständigkeit meint das Inhärieren in einem Träger. Für die Ontologie der Person ist die Unterscheidung zentral. Die Person als Substanz ist seinsselbständig und gerade dadurch vom bloßen Akzidenz ontologisch verschieden. Sie ist Jemand und nicht bloß eine Eigenschaft von Etwas.
Ontologische Beziehungen:
- (invers) ist disjunkt mit: Seinsselbständigkeit
- ist Unterklasse von: Existenzform
Seinsursprünglichkeit
Die Seinsursprünglichkeit ist eine Seinsbestimmung, der zufolge ein Seiendes den Grund seines Seins in sich selbst hat. Es ist ens a se — ein Seiendes aus sich selbst, das seine Existenz keinem anderen verdankt. Diese Bestimmung kommt ausschließlich dem Absoluten Sein (Gott) zu und bildet das disjunkte Gegenstück zur Seinsabgeleitetheit (vgl. Bexten 2017, S. 120—128).
In der thomistischen Tradition ist die Seinsursprünglichkeit gleichbedeutend mit der aseitas Gottes. Gott allein existiert notwendig und verdankt sein Sein keiner äußeren Ursache. Alle geschaffenen Seienden hingegen sind ens ab alio — ihr Sein ist abgeleitet und kontingent.
Thomas von Aquin zeigt, dass in Gott Sein und Wesen zusammenfallen (esse et essentia sind identisch). In jedem geschöpflichen Seienden hingegen ist das Sein vom Wesen real verschieden. Die Seinsursprünglichkeit grenzt sich damit sowohl von der Seinsselbständigkeit (die auch Geschöpfen zukommt) als auch von der Seinsunabhängigkeit ab, die eine andere Hinsicht der Existenzweise betrifft.
Ontologische Beziehungen:
- ist Unterklasse von: Existenzform
- ist disjunkt mit: Seinsabgeleitetheit
Ontologische Einordnung: Oberbegriff: Sein; Unterbegriffe: Seinsabgeleitetheit, Seinsabhängigkeit, Seinsautonomie, Seinsheteronomie, Seinsselbständigkeit, Seinsunabhängigkeit, Seinsunselbständigkeit, Seinsurspruenglichkeit
Quellenangaben: Bexten 2017, S. 171–179 (verschiedene Existenzformen).
Weitere Quellen:
- Thomas von Aquin: Summa Theologiae, I, q. 3, a. 4 (Identität von Sein und Wesen in Gott, reale Verschiedenheit im Geschöpf)
- Seifert, Josef (1987): Back to ‘Things in Themselves’. A Phenomenological Foundation for Classical Realism. London/New York: Routledge & Kegan Paul. (Systematik der Existenzformen und Seinsbestimmungen)
Siehe auch: