Gestalt und Stoff
Eine der ältesten und fruchtbarsten Einsichten der Philosophie ist die Unterscheidung von Gestalt und Stoff. Aristoteles hat sie vor fast zweieinhalbtausend Jahren formuliert1, und sie hat bis heute nichts von ihrer Kraft verloren.
4.5.1 Warum Stoff allein nicht genügt
Stellen wir uns einen Marmorblock vor. Aus ihm kann ein Bildhauer eine Statue meißeln, einen Brunnen hauen oder einen Grabstein anfertigen. Der Stoff ist derselbe — Marmor. Aber was daraus wird, hängt von der Gestalt ab, die der Bildhauer dem Stoff gibt.
Oder denken wir an den menschlichen Körper. Die Atome, aus denen er besteht, werden im Lauf der Jahre fast vollständig ausgetauscht. Der Stoff wechselt. Aber die Person bleibt dieselbe. Was macht sie zu derselben Person? Nicht der Stoff — der ändert sich ja. Sondern etwas, das den Stoff ordnet, zusammenhält, zu einem lebendigen Ganzen macht.
Dieses ordnende Prinzip nennen wir die Gestalt oder, in der Sprache der Philosophie, die Form. Die Form ist das, was ein Ding zu dem macht, was es ist. Sie ist das bestimmende Prinzip. Der Stoff hingegen ist das bestimmbare Prinzip — das, was durch die Form bestimmt wird.
4.5.2 Form und Stoff beim Lebewesen
Bei leblosen Dingen ist die Einheit von Gestalt und Stoff eher äußerlich. Ein Tisch ist Holz in Tischform. Zerbricht der Tisch, bleibt das Holz. Die Form kommt von außen — vom Tischler — und kann wieder verloren gehen.
Bei Lebewesen ist das grundlegend anders. Die Gestalt des Lebewesens durchdringt den Stoff von innen heraus. Die Seele — so nennt die Philosophie die Lebensgestalt eines Lebewesens — ist nicht ein Teil neben anderen Teilen. Sie ist das, was den Leib lebendig macht, was ihn zu einem einheitlichen, sich selbst organisierenden Ganzen macht.
Beim Menschen kommt noch etwas hinzu, das über alles Tierische grundsätzlich hinausgeht: Vernunft, Freiheit, die Fähigkeit zur Selbsterkenntnis und zur Liebe. Die menschliche Gestaltseele ist nicht einfach eine „aufgepeppte“ Tierseele. Sie ist ein geistiges Lebensprinzip, das den ganzen Leib durchformt und belebt.
4.5.3 Was der Stoff von sich aus nicht leisten kann
Es gibt einen weit verbreiteten Irrtum: Man meint, aus dem Stoff allein könne man alles erklären. Aber das ist ein Trugschluss. Denn der Stoff als solcher hat keine Richtung, kein Ziel, keine Ordnung. Ordnung kommt immer von einem ordnenden Prinzip — eben von der Form.
Das gilt in besonderer Weise für den Menschen. Der menschliche Leib besteht aus denselben chemischen Elementen wie jeder andere Körper. Kohlenstoff, Wasserstoff, Sauerstoff, Stickstoff — nichts davon ist exklusiv menschlich. Aber er ist kein bloßer Klumpen Materie. Er ist ein beseelter Leib, durchformt von einem geistigen Lebensprinzip. Und dieses geistige Lebensprinzip lässt sich nicht aus der Materie ableiten.
Für unsere Frage nach dem Personsein hat diese Unterscheidung eine unmittelbare Konsequenz: Das Sein des Menschen unterscheidet sich wesentlich von jedem apersonalen Sein dadurch, dass es ein geistiges Lebensprinzip beziehungsweise eine geistige Wesensform besitzt.
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Fußnoten
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Aristoteles, Metaphysik (2009), Buch VII (Z); Aristoteles, Physik (1987), Buch II, Kap. 1—3. ↩