Selbstbewusstsein bezeichnet das Wissen des Menschen um sein eigenes Sein, das reflexive Gewahrwerden seiner selbst als Jemand. Es gehört zur zweiten Dimension des Personseins und ist damit Personverhalten, nicht Seinsgrund der Person.

Selbstbewusstsein ist nicht Bedingung des Personseins

Eine zentrale These des Buches lautet: Der Mensch ist Person, bevor er sich seiner selbst bewusst wird. Das Personsein geht dem Selbstbewusstsein ontologisch voraus, gemäss dem Grundsatz agere sequitur esse (Bexten 2017, S. 195 ff.). Robert Spaemann betont: “Es gibt keine potentiellen Personen” — wer einmal Selbstbewusstsein entwickeln kann, ist bereits Person.

Gegenposition: Locke und der Funktionalismus

John Locke knüpft das Personsein an das aktuale Bewusstsein: Person ist, wer sich seiner selbst als identisch über die Zeit bewusst ist. Daraus folgt, dass Embryonen, Schlafende und Menschen mit Demenz keine Personen wären. Der empirisch-funktionalistische Personbegriff übernimmt diese Position. Derek Parfit radikalisiert sie: Die Person ist nur ein Epiphänomen psychischer Kontinuität.

Selbstbewusstsein und Innerlichkeit

Selbstbewusstsein setzt Innerlichkeit voraus — jenen Selbstbesitz, der der menschlichen Person eigen ist. Edith Stein spricht von der “belichteten Oberfläche über dunkler Tiefe”: Das Selbstbewusstsein erfasst immer nur einen Teil der personalen Tiefe.

Selbstbewusstsein und Vernunft

Vernunft und Selbstbewusstsein sind eng verbunden, aber nicht identisch. Die Vernunft richtet sich auf die Welt (Intentionalität), das Selbstbewusstsein wendet den Blick auf das erkennende Subjekt selbst. Beides zusammen ermöglicht den actus humanus und die Verantwortung für das eigene Handeln.

Ontologische Einordnung: Oberbegriff: Wesenscharakteristikum

Bewusstsein

Die irreduzible Grundtatsache des Erlebens und der Intentionalität — das Gerichtetsein des Geistes auf Gegenstände. Bewusstsein kann nicht auf neuronale Prozesse, funktionale Zustände oder Informationsverarbeitung reduziert werden. In der Realistischen Phänomenologie (Husserl, Brentano, Seifert, Pfänder): das unmittelbar gegebene Datum des Erlebens, das jeder Reduktion vorausliegt.

Für die Personalontologie ist entscheidend, dass Bewusstsein zwar ein Urphänomen ist, aber nicht mit dem Personsein identifiziert werden darf. Die Person hat Bewusstsein, sie ist nicht ihr Bewusstsein. Ein Mensch, der das Bewusstsein (noch nicht oder nicht mehr) aktuell ausübt — etwa der Embryo, der Schlafende oder der schwer Demente —, hört nicht auf, Person zu sein. Bewusstsein gehört zur Zweiten Wirklichkeit, nicht zur Ersten Wirklichkeit des Personseins (vgl. Bexten 2017, S. 143–149). David Chalmers formulierte 1995 das Hard Problem of Consciousness: Warum existiert subjektives Erleben überhaupt? Diese Frage bestätigt die Irreduzibilität des Bewusstseins als Urphänomen — und zeigt, warum der Turing-Test das Bewusstsein prinzipiell nicht erfassen kann.

Ontologische Einordnung:

Kapitelzuordnung: Kapitel 4: Personsein, Kapitel 3: Was ist eine Person?

Siehe auch: Intentionalität, Personsein, Personverhalten, Deutera Energeia, Prote Energeia, Selbstbewusstsein, Erkenntnis, Innerlichkeit, Zweite Dimension, Erste Dimension, Edmund Husserl, Franz Brentano, Josef Seifert

Das Selbst / Ich

Das Selbst oder Ich bezeichnet den inneren Kern der Person — jenes unverwechselbare Zentrum, von dem aus der Mensch “ich” sagt, sich selbst erfährt und über sich verfügt. Es ist nicht ein Teil des Menschen neben anderen Teilen, sondern die Person selbst in ihrer Innerlichkeit. Wenn der Mensch sagt “ich denke”, “ich will”, “ich liebe”, dann verweist dieses “ich” auf den ganzen Menschen als personales Subjekt.

Das Selbst ist kein Konstrukt, keine Illusion und kein bloßes Ergebnis neuronaler Prozesse. Die unmittelbare Selbstgewissheit — si fallor, sum (“wenn ich mich täusche, bin ich”) — gehört zu den ursprünglichsten Erfahrungen der Person. Selbstbewusstsein ist nicht etwas, das zur Person erst hinzukommt, sondern eine Weise, in der sie sich selbst gegenwärtig ist.

In der zweiten Dimension des Personseins zeigt sich das Ich als Herr seiner selbst: frei, verantwortlich, fähig zur Erkenntnis und zur Selbstbestimmung. Zugleich ist das Selbst kein geschlossenes System. Es ist wesenhaft offen für den Anderen und fähig zur Selbsttranszendenz. Die Frage “Wer bin ich?” ist letztlich die Frage nach dem Jemand, der jeder Mensch ist.

Siehe auch

Quellenangaben: Bexten 2017, S. 31–32, 39, 41, 46–48, 233–234, 260, 262 (Bewusstsein und Selbstbewusstsein).

Weitere Quellen:

  • Spaemann, Robert (1996): Personen. Versuche über den Unterschied zwischen „etwas” und „jemand”. Stuttgart: Klett-Cotta („Es gibt keine potentiellen Personen”).
  • Stein, Edith (1932/2004): Der Aufbau der menschlichen Person. Vorlesung zur philosophischen Anthropologie. ESGA 14. Herder („belichtete Oberfläche über dunkler Tiefe”).
  • Locke, John (1690): An Essay Concerning Human Understanding. Book II, Ch. 27 (Personal Identity und Bewusstsein).
  • Parfit, Derek (1984): Reasons and Persons. Oxford: Clarendon Press (Person als Epiphänomen psychischer Kontinuität).
  • Augustinus: De civitate Dei XI, 26 (si fallor, sum — unmittelbare Selbstgewissheit).
  • Chalmers, David J. (1995): „Facing Up to the Problem of Consciousness”. Journal of Consciousness Studies 2(3), S. 200–219 (Hard Problem of Consciousness).

Ontologische Beziehungen: