Innerlichkeit

Innerlichkeit bezeichnet den Selbstbesitz und inneren Kern der Person: das, was sie zu einem Jemand macht und von einem bloßen Etwas unterscheidet (vgl. Bexten 2017, S. 259 ff.). Die Person ist nicht nur äußerlich da, nicht nur ein Objekt unter Objekten — sie hat eine innere Tiefe, ein Zentrum, aus dem heraus sie lebt, erkennt und handelt. Edith Stein beschreibt die Innerlichkeit als “belichtete Oberfläche über dunkler Tiefe” — das Bewusstsein erfasst immer nur einen Teil der personalen Tiefe. Scheler sieht in ihr den Grund dafür, dass die Person nie bloß Gegenstand sein kann.

Innerlichkeit gehört zur zweiten Dimension des Personseins, ist aber nicht identisch mit Selbstbewusstsein: Auch der Embryo und der Mensch mit schwerer Demenz besitzen Innerlichkeit, weil sie als Personen der ersten Dimension ein inneres Lebensprinzip — die geistige Seele — haben. Innerlichkeit und Intentionalität bilden die zwei Seiten der personalen Geistigkeit: Selbstbesitz und Offenheit — die Person besitzt sich selbst und ist zugleich auf anderes gerichtet. Nur wer Innerlichkeit besitzt, kann sich selbst überschreiten (Selbsttranszendenz): Man muss ein Selbst haben, um es hingeben zu können. Die Liebe als Bejahung der Person um ihrer selbst willen bejaht gerade diese innere Tiefe. Wojtyła analysiert Innerlichkeit als Erfahrung des “Ich handle”; Pascal sieht im “denkenden Schilfrohr” die Innerlichkeit trotz Gebrechlichkeit; Hengstenberg versteht sie als Voraussetzung der Liebe. Die Innerlichkeit begründet auch die Würde der Person: Weil sie einen unergründlichen inneren Kern besitzt, darf sie niemals bloß als Mittel gebraucht werden (Personalistische Norm).

Kapitelzuordnung: Kapitel 4: Was ist menschliches Personsein?, Kapitel 3: Was ist eine Person?

Ontologische Zuordnung: Innerlichkeit ist (gemäss Ontologie) Unterklasse von Urphänomen und gehört zur zweiten Dimension des Personseins. Sie setzt die erste Dimension voraus (setztVoraus) und ist Voraussetzung der Selbsttranszendenz.

Siehe auch