Die ontologische Eigenwirklichkeit jeder menschlichen Person. Individualität meint nicht bloß numerische Verschiedenheit (wie bei Steinen oder Tropfen), sondern qualitative Einzigartigkeit: Jede Person ist eine “geistige Substanz eigenen Rechts” (Seifert), die eine unverwechselbare Weise des Personseins verwirklicht. Boëthius’ klassische Definition der Person als naturae rationalis individua substantia benennt die Individualität als konstitutives Merkmal: Die Person ist ein “einmaliges eigenständiges Wesen mit vernünftiger Natur” (vgl. Bexten 2017, S. 117 ff.).

Individualität und Herz

Die Individualität der Person zeigt sich besonders im Herzen — in der je eigenen Weise, auf Werte zu antworten, zu lieben und sich hinzugeben. Hildebrand: Das Herz ist “der individuellste Teil des Menschen”. Während der Verstand auf universale Wahrheiten gerichtet ist, drückt sich im Herzen die unwiederholbare Eigenart der Person aus. Der Ordo Amoris — die je eigene Ordnung der Liebe — ist Ausdruck dieser Individualität.

Individualität und Einmaligkeit

Individualität und Einmaligkeit stehen in enger Beziehung, sind aber nicht identisch. Individualität benennt die qualitative Eigenart — wie eine Person ist; Einmaligkeit betont die Unwiederholbarkeit — dass keine Person durch eine andere ersetzt werden kann. Die Individualität setzt die Einmaligkeit voraus: Nur weil jede Person unersetzlich ist, hat ihre je eigene Weise des Personseins ontologisches Gewicht.

Individualität und geistiges Sein

Die Individualität ist nicht Produkt der Materie — gegen Thomas von Aquins materia signata quantitate als principium individuationis. Sie gründet vielmehr im geistigen Sein selbst: Die geistige Seele ist nicht deshalb individuell, weil sie in diesem Leib ist, sondern sie ist individuell aus sich heraus. Die Individualität gehört zum Wesen der Person, nicht zu ihren akzidentellen Eigenschaften.

Individualität als Wesenscharakteristikum

Als Wesenscharakteristikum ist die Individualität notwendig und unverlierbar. Auch ein Mensch mit schwerer Demenz oder ein Embryo vor jeder bewussten Erfahrung besitzt ontologisch seine unverwechselbare Individualität. Sie gehört zum Sein der Person, nicht zu ihrem aktuellen Sich-Zeigen.

Empirisches Gegenargument: Die Individuationsfrage

Aus der Embryologie kommt ein gewichtiger Einwand. Bis zum Erscheinen des Primitivstreifens (etwa Tag 14–17 nach der Befruchtung, Carnegie-Stadium 6) ist eine Aufspaltung des Embryos in zwei genetisch identische Embryonen — die monozygote Zwillingsbildung — möglich. Konvers ist auch der tetragametische Chimaerismus dokumentiert: die Verschmelzung zweier zygotischer Embryonen zu einem Organismus mit zwei Genomen. Beides scheint die These zu erschüttern, dass die individuelle Person bereits mit der Befruchtung beginnt — denn was sich noch teilen oder verschmelzen kann, ist offenbar noch kein Individuum im strengen Sinn.

Genau hier setzt eine philosophisch geführte Kontroverse an:

  • Smith und Brogaard argumentieren in Sixteen Days (Journal of Medicine and Philosophy 28(1):45–78, 2003), die menschliche Individualität beginne erst mit der Gastrulation — also rund 16 Tage nach der Befruchtung —, weil die vorhergehende Phase strukturell teilbar bleibe und damit kein einheitliches Substanz-Individuum vorliege.
  • Damschen, Gómez-Lobo und Schönecker antworten 2006 (Journal of Medicine and Philosophy 31(2):165–175): Die Möglichkeit, sich zu teilen, widerlegt nicht die individuelle Substanz, sondern verlangt nur ein anderes Modell ihres Zugrundegehens — analog zur Knospung in der Biologie. Aus kann sich teilen folgt nicht ist nicht individuell.
  • Maureen Condic entfaltet diese Gegenposition entwicklungsbiologisch in Untangling Twinning (Notre Dame UP 2020): Die monozygote Zwillingsbildung ist kein Argument gegen die individuelle Substanz von CS 1 an, sondern ein Sonderfall, der mit ihr verträglich gemacht werden kann — vorausgesetzt, man modelliert die Substanz nicht als unzerteilbares Atom, sondern als organische Einheit, die unter besonderen Bedingungen einen abgespaltenen Teil zu einer eigenen Substanz freigeben kann.

Personalontologisch gehört die Individualität in beiden Fällen zur Substanz von Anfang an — der Streit verläuft über die Modellierung der Substanz, nicht über die Frage, ob die menschliche Person individuell ist.

Empirisch verschiebt sich die Debatte seit den HuDeCA-Atlanten (siehe HuDeCA-Zellatlas): Tyser/Srinivas 2021 zeigen am CS 7-Embryo auf Einzelzell-Auflösung, dass Zell-Schicksal-Entscheidungen gradual, mehrgipflig und probabilistisch verlaufen — nicht als Punktereignis. Ein einzelner “Moment der Individuation” lässt sich molekular nicht mehr lokalisieren; die Substanz-Frage muss am integralen Organismus von CS 1 hängen, nicht an einer einzelnen Zellpopulation.

Ontologische Einordnung:

Ontologische Beziehungen:

Kapitelzuordnung: Kapitel 3: Was ist eine Person? (bes. 3.5), Kapitel 4: Was ist menschliches Personsein?

Quellenangaben: Bexten 2017, S. 128, 239, 301 (Individualität und Einmaligkeit).

Weitere Quellen:

  • Boëthius: Contra Eutychen et Nestorium, cap. 3. (klassische Personaldefinition: naturae rationalis individua substantia)
  • Seifert, Josef (1987): Back to ‘Things in Themselves’. A Phenomenological Foundation for Classical Realism. London/New York: Routledge & Kegan Paul. (Person als geistige Substanz eigenen Rechts)
  • Dietrich von Hildebrand: Das Wesen der Liebe (1971). Regensburg: Josef Habbel. (Herz als individuellster Teil des Menschen)
  • Thomas von Aquin: Summa Theologiae I, q.29 (zur Person und Individuation)
  • Smith, Barry & Brogaard, Berit (2003): Sixteen Days. Journal of Medicine and Philosophy 28(1): 45–78.
  • Damschen, Gregor; Gómez-Lobo, Alfonso & Schönecker, Dieter (2006): Sixteen Days? A Reply to B. Smith and B. Brogaard on the Beginning of Human Individuals. Journal of Medicine and Philosophy 31(2): 165–175.
  • Condic, Maureen L. (2020): Untangling Twinning. What Science Tells Us About the Nature of Human Embryos. Notre Dame Studies in Medical Ethics and Bioethics. Notre Dame, Indiana: University of Notre Dame Press.
  • Tyser, R. C. V.; Mahammadov, E.; Nakanoh, S.; Vallier, L.; Scialdone, A. & Srinivas, S. (2021): Single-cell transcriptomic characterization of a gastrulating human embryo. Nature 600(7888): 285–289. DOI: 10.1038/s41586-021-04158-y. (Empirische Anbindung der Individuationsdebatte an Einzelzell-Daten.)

Siehe auch