Lüge

Hinweis: Die ethischen Urteile auf dieser Seite beziehen sich ausschließlich auf die Handlung — niemals auf die Person, die sie ausführt. Jede Person besitzt unverlierbare Würde, unabhängig davon, was sie tut oder getan hat. Vgl. Hinweis zu ethischen Urteilen.

Die Lüge ist die absichtliche Falschaussage gegenüber einer Person. Sie verletzt die Personalistische Norm, weil sie die Wahrheitsfähigkeit des Gegenübers missachtet und die Interpersonalität zerstört. Sie instrumentalisiert die Sprache und damit die Person.

Die personalontologische Analyse der Lüge geht tiefer als eine bloß moralische Verurteilung. Die Wahrheit gehört zu den Grundbedingungen personaler Begegnung: Personen sind wesentlich wahrheitsfähige Wesen — sie können die Wirklichkeit erkennen und sich im Lichte des Erkannten verständigen. Die Sprache ist das vorzügliche Mittel dieser Verständigung. Wer lügt, missbraucht dieses Mittel und untergräbt damit die Grundlage, auf der interpersonale Beziehungen überhaupt möglich sind.

Die Lüge ist eine Instrumentalisierung im doppelten Sinne: Sie instrumentalisiert die Sprache, indem sie deren Wahrheitsbezug zerstört, und sie instrumentalisiert die Person des Gegenübers, indem sie dessen Erkenntnisfähigkeit bewusst in die Irre führt. Der Belogene wird zum Objekt einer Manipulation — er wird in seiner Fähigkeit zur freien und wahrhaftigkeitsbezogenen Stellungnahme untergraben. Damit verletzt die Lüge die Freiheit des anderen, die auf Wahrheit angewiesen ist, um sich verwirklichen zu können.

Als Form der praktischen Personvergessenheit offenbart die Lüge ein tiefgreifendes Defizit: Wer lügt, hat den Jemand-Charakter des Gegenübers aus dem Blick verloren — oder missachtet ihn bewusst. Die Personalistische Norm fordert, den anderen als Person zu bejahen, was wesentlich einschließt, ihn als wahrheitsfähiges und wahrheitswürdiges Wesen zu behandeln.

Die Lüge zerstört zudem das Vertrauen, das für die dritte Dimension des Personseins — die freie Hinwendung zum anderen in Liebe und Selbsttranszendenz — unentbehrlich ist. Wo gelogen wird, kann sich die Person nicht mehr vertrauensvoll öffnen; die Interpersonalität wird vergiftet.

Ontologische Einordnung

Oberbegriffe: Praktische Personvergessenheit

Ontologische Beziehungen:

Kapitelzuordnung: Kapitel 5: Personvergessenheit

Siehe auch