Das Hospiz ist eine Institution, die sterbende Menschen aufnimmt und betreut, mit dem Ziel der Würdebewahrung bis zum letzten Atemzug. Cicely Saunders gründete 1967 in Sydenham (London) das St Christopher’s Hospice — das erste moderne Hospiz mit integrierter Schmerztherapie, Forschung und Lehre. Bis 2005 entstanden weltweit über 8000 stationäre Hospize nach diesem Vorbild.
Personalontologische Bedeutung
Das Hospiz ist mehr als eine Pflegeeinrichtung. Es ist die institutionelle Verkörperung einer ontologischen Position: Die menschliche Person bleibt bis zum Tod ganz Person und verliert ihre Würde nicht durch Funktionsverlust. Wer ins Hospiz aufgenommen wird, ist nicht „austherapiert” oder „funktionsuntüchtig” — er ist eine Person in einer letzten Lebensphase, deren Personsein in jeder Dimension bejaht wird.
Diese Position steht im scharfen Kontrast zum Empirisch-Funktionalismus, der das Personsein an aktuale Fähigkeiten bindet (vgl. empirisch-funktionalistischer Personbegriff) und im Sterben deshalb tendenziell ein Personsein „auf Abruf” sieht. Das Hospiz arbeitet stattdessen aus dem substanzontologisch-relationalen Personbegriff heraus: die Person ist immer ganz, in jeder Phase.
Cicely Saunders und das Total Pain-Konzept
Saunders entwickelte zwischen 1958 und 1967 das Konzept des Total Pain — das Leiden im Sterben als unteilbares Ganzes mit physischen, psychischen, sozialen und spirituellen Dimensionen. Aus dieser Diagnose folgte die hospizliche Antwort: kein einzelner Beruf kann Total Pain allein behandeln. Hospize arbeiten deshalb mit interdisziplinären Teams aus Ärztinnen, Pflegenden, Sozialarbeitern, Seelsorgern und Psychologinnen.
Saunders’ Devise — „You matter because you are you, and you matter to the end of your life” — ist zur Devise der weltweiten Hospizbewegung geworden.
Sterbeorte im Vergleich
Das Hospiz ist einer von vier möglichen Sterbeorten, die personalontologisch unterschiedlich gewichtet sind.
Hospiz — spezialisierter Sterbeort, auf Total-Pain-Behandlung und ganzheitliche Begleitung ausgelegt. Strukturell die direkteste Verkörperung der Personbejahung im Sterben.
Krankenhaus — akutmedizinischer Sterbeort. Personalontologisch ambivalent: Die Akutorientierung kann mit der Sterbephase in Konflikt geraten, weil sie auf Heilung und Lebensverlängerung ausgerichtet ist. Palliative Konsile können das mildern, ändern aber die institutionelle Logik nicht grundlegend.
Intensivstation — Sterbeort höchster technischer Intensität. Hier zeigt sich die schärfste Spannung zwischen technischer Lebenserhaltung und der Bejahung des Personseins als ganze. Der Therapieabbruch ist hier oft die letzte Entscheidung vor dem Tod; die kontrollierte DCD-Praxis findet typischerweise hier statt.
Zuhause — heimischer Sterbeort, in der Regel mit ambulanter palliativer Begleitung (in Deutschland SAPV — Spezialisierte Ambulante Palliativversorgung). Bewahrt die personale Eingebundenheit in die Familie am unmittelbarsten.
Hospizbewegung weltweit
Aus St Christopher’s wurde innerhalb weniger Jahrzehnte eine globale Bewegung. Sie trägt die Idee der ganzheitlichen Sterbebegleitung in Praxis und Politik. Personalontologisch ist sie die institutionelle Antwort auf die praktische Personvergessenheit eines Sterbens, das die Person auf den Funktionsverlust reduziert.
In vielen Ländern hat die Bewegung die Euthanasie-Diskussion verschoben: Wo Hospize verfügbar sind, wird die Frage nach Euthanasie oft anders gestellt — nicht „wie wird das Leiden beendet”, sondern „wie wird die Person bis zum Ende begleitet”. Saunders selbst hat sich zeitlebens gegen Euthanasie ausgesprochen, gerade weil sie die hospizliche Alternative kannte.
Ontologische Einordnung
Oberbegriffe: Sachverhalt (Institution, Bewegung)
Ontologische Beziehungen:
- setzt voraus: Palliative Pflege, Total Pain-Behandlung
- konkretisiert: Personalistische Norm im Sterben
- argumentatives Gegenmodell zur: Euthanasie
- typischer Ort der: sterbenden Phase
- gegründet von: Cicely Saunders (1967)
Kapitelzuordnung: Kapitel 4: Was ist menschliches Personsein?, Kapitel 5: Personvergessenheit
Quellenangaben
Gründung und Philosophie des St Christopher’s Hospice
- Saunders, Cicely (1981): The founding philosophy. In: Saunders, Cicely; Summers, Dorothy H.; Teller, Neville (Hg.): Hospice: The Living Idea. London: Edward Arnold, S. 4—6.
- Saunders, Cicely (1996): A personal therapeutic journey. British Medical Journal 313(7072): 1599—1601.
- Du Boulay, Shirley; Rankin, Marianne (2007): Cicely Saunders: The Founder of the Modern Hospice Movement (überarb. Aufl.). London: SPCK Publishing.
Geschichte und Verbreitung der Hospizbewegung
- Clark, David (2007): From margins to centre: A review of the history of palliative care in cancer. The Lancet Oncology 8(5): 430—438. Standardarbeit zur Geschichte der weltweiten Bewegung.
- Clark, David (2018): Cicely Saunders: A life and legacy. Oxford: Oxford University Press.
- Hospiz Bremen-Nord e.V.: Die Hospizbewegung. https://hospiz-bremen-nord.de/die-hospizbewegung/
- Dachverband HOSPIZ Österreich: Geschichte. https://www.hospiz.at/hospiz-palliative-care/geschichte/
Total-Pain-Konzept und Praxis
- Saunders, Cicely (1964): The symptomatic treatment of incurable malignant disease. Prescribers’ Journal 4(4): 68—73.
- Clark, David (1999): „Total pain”, disciplinary power and the body in the work of Cicely Saunders, 1958—1967. Social Science & Medicine 49(6): 727—736.
Sterbeorte und Palliativstrukturen
- Wikipedia: Palliative care. https://en.wikipedia.org/wiki/Palliative_care
- Bundesarbeitsgemeinschaft Hospiz e.V. (DHPV) und Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin (DGP): Strukturdaten zur ambulanten und stationären Hospiz- und Palliativversorgung in Deutschland.
- Schwäbische Zeitung (2024): International: Palliativmedizin geht diverse Wege. https://www.schwaebische.de/landkreis/landkreis-tuttlingen/spaichingen_artikel,-international-palliativmedizin-geht-diverse-wege-_arid,5014769.html
Position zur Euthanasie
- Saunders, Cicely (1992): Voluntary euthanasia. Palliative Medicine 6(1): 1—5. Saunders’ eigene Stellungnahme aus der Hospizpraxis.
Siehe auch
- Cicely Saunders
- Total Pain
- Sterbephasen
- Palliative Pflege
- Euthanasie
- Personalistische Norm
- Würde
- Trauer-Modelle
Generiert via Abfrage aus der Personseins-Ontologie.