Form und Stoff

Die Unterscheidung von Form (Gestalt) und Stoff (Materie) gehört zu den ältesten und fruchtbarsten Einsichten der Philosophie. Aristoteles hat sie formuliert, und sie hat bis heute nichts von ihrer Kraft verloren. Die Form ist das bestimmende Prinzip — das, was ein Ding zu dem macht, was es ist. Der Stoff ist das bestimmbare Prinzip — das, was durch die Form bestimmt wird. Dieselben Buchstaben können ein Gedicht oder eine Einkaufsliste bilden: Der “Stoff” ist derselbe, aber die “Form” — die Anordnung, die Bedeutung — ist grundverschieden.

Bei leblosen Dingen ist die Einheit von Gestalt und Stoff eher äußerlich: Ein Tisch ist Holz in Tischform; die Form kommt vom Tischler. Bei Lebewesen aber durchdringt die Gestalt den Stoff von innen heraus. Die Seele — die Lebensgestalt eines Lebewesens — ist nicht ein Teil neben anderen Teilen, sondern das, was den Leib lebendig und zu einem Ganzen macht. Man kann die Seele nicht “heraustrennen” und den Rest behalten — ohne sie gibt es keinen lebendigen Leib, sondern nur einen Leichnam (vgl. Bexten 2017, S. 146—162).

Für die Frage nach dem Personsein hat diese Unterscheidung unmittelbare Konsequenz: Der Stoff allein erklärt den Menschen nicht. Die Materie hat keine Richtung, kein Ziel, keine Ordnung aus sich selbst heraus. Aus Atomen kann man Moleküle machen, aus Molekülen Zellen — aber aus Zellen kann man keinen Gedanken machen, keinen freien Willensentschluss, keine Liebe. Die menschliche Wesensform — die Geistseele — ist der zureichende Grund dafür, dass der Mensch nicht bloß ein Ding ist, sondern eine Person. Diese Lehre wird als Hylemorphismus (gr. hyle = Stoff, morphe = Gestalt) bezeichnet und von Thomas von Aquin weiterentwickelt.

Kapitelzuordnung: Kapitel 4: Was ist menschliches Personsein? (bes. 4.3)

Ontologische Zuordnung: Form (Gestalt) und Stoff (Materie) sind (gemäss Ontologie) disjunkte Klassen. Die Form ist das bestimmende Prinzip (Akt), der Stoff das bestimmbare (Potenz). Die Geistseele ist die Wesensform der menschlichen Person.

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