Der performative Widerspruch

Der Einwand des performativen Widerspruchs ist die radikalste Form der Kritik am empirisch-funktionalistischen Personbegriff. Er lautet: Wer diese Position vertritt, widerspricht sich selbst nicht im Inhalt seiner Aussagen, sondern im Vollzug des Behauptens. Der Widerspruch liegt nicht zwischen zwei Sätzen, sondern zwischen dem gesagten Inhalt und dem Akt des Sagens.

Peter Singer argumentiert, dass nur Wesen mit aktuellem Selbstbewusstsein, mit Zukunftsinteressen und mit der Fähigkeit, sich als Subjekt über die Zeit hinweg zu begreifen, Personen im vollen Sinne seien. Das Personsein ist nach ihm an aktuelle kognitive Leistungen gebunden. Der performative Widerspruch greift an dieser Stelle: Wer als Philosoph für diese These argumentiert, Gründe vorbringt, Einwände widerlegt und einen Geltungsanspruch erhebt, vollzieht in diesen Akten genau das, was er theoretisch auf eine schmale Teilmenge der Menschen einschränken will. Argumentieren ist selbst ein personaler Akt. Es setzt voraus, dass Sprecher und Zuhörer als vernunftbegabte Subjekte einander begegnen, dass sie Wahrheit suchen, dass sie verantwortlich für ihre Aussagen einstehen.

Diese Voraussetzungen sind nicht verhandelbar. Sie werden nicht durch die Theorie gesetzt, sondern durch jeden Akt des theoretischen Sprechens. Singer kann seine Position nicht vertreten, ohne sich selbst als vernunftbegabtes Subjekt anzusprechen, das Wahrheit erkennen und mitteilen kann. Genau diese Fähigkeit aber ist es, die den substanzontologischen Personbegriff auszeichnet — und die nach Singers eigener Position nicht allen Menschen, nicht einmal allen bewussten Wesen, zukommt.

Der performative Widerspruch zeigt darüber hinaus eine tiefere Struktur: Das Personsein ist nicht etwas, was sich erst durch empirische Beobachtung oder durch eine Definition erweist. Es wird in jedem personalen Akt mitvollzogen. Wer spricht, weiß um sein Personsein, bevor er es theoretisch thematisieren kann. Die phänomenologische Erfahrung der Person geht jeder begrifflichen Bestimmung voraus.

Kapitelzuordnung: Kapitel 3: Was ist eine Person?

Quellenangaben: Bexten 2017, S. 107–116 (Kritik Singers).

Weitere Quellen:

  • Spaemann, Robert (1996): Personen. Klett-Cotta, insbesondere Kapitel 13.
  • Singer, Peter (1994): Praktische Ethik. Reclam.
  • Apel, Karl-Otto (1976): Transformation der Philosophie, Band II: Das Apriori der Kommunikationsgemeinschaft. Suhrkamp (zur Struktur des performativen Widerspruchs).

Ontologische Einordnung: Oberbegriff: Einwand; richtet sich gegen: Empirisch-funktionalistischer Personbegriff

Siehe auch: Empirisch-funktionalistischer Personbegriff, Substanzontologischer Personbegriff, Ausschluss-Einwand, Einwand der diachronen Identität, Selbstbewusstsein, Wahrheit, Phänomenologische Methode, Peter Singer, Robert Spaemann, Kapitel 3: Personbegriff