4.8 Zusammenfassung: Was ist menschliches Personsein?

Am Ende dieses Kapitels können wir die Frage, die am Anfang stand, beantworten: Was ist menschliches Personsein?

Der Mensch ist ein geistiges eigenständiges Wesen im Leib in Beziehung. Das ist die kürzeste und zugleich umfassendste Antwort. Sie enthält alles, was wir erarbeitet haben:

„Geistiges“ — der Mensch hat ein geistiges Lebensprinzip, das ihn wesenhaft von allen anderen irdischen Wesen unterscheidet.

„Eigenständiges Wesen“ — der Mensch ist kein bloßes Bündel von Eigenschaften, keine Ansammlung von Funktionen. Er ist ein Zugrundeliegendes, ein In-sich-Stehendes. Er ist „das Vollkommenste in der ganzen Natur“, wie Thomas von Aquin sagt.1

„Im Leib“ — der Mensch ist nicht reiner Geist. Er ist verkörperter Geist, beseelter Leib.

„In Beziehung“ — der Mensch ist kein isoliertes Einzelwesen. Er ist seinem Wesen nach auf andere hin angelegt.

Dieses Personsein hat drei Dimensionen:

Die erste Dimension: das grundlegende geistige Dasein. Gegeben ab der Verschmelzung der Keimzellen. Grundlage der unverlierbaren Würde.

Die zweite Dimension: das bewusste, vernünftig-freie Personsein. Die Entfaltung des Personseins im bewussten Denken, Wollen, Fühlen und Handeln.

Die dritte Dimension: die sittliche Vervollkommnung oder Abwertung. Die Verwirklichung oder Verfehlung der Eigentlichkeit durch freies, verantwortliches Handeln.

Alle drei Dimensionen gehören zu ein und derselben Wirklichkeit des Personseins. Aber die erste Dimension ist die grundlegendste: Sie ist immer da, von Anfang an, und sie kann nie verloren gehen.

Deshalb ist der Mensch von Anfang an Person. Deshalb hat er von Anfang an Würde. Deshalb hat er von Anfang an ein Recht auf Leben. Nicht weil er denken kann. Nicht weil er fühlen kann. Nicht weil er handeln kann. Sondern weil er ist, was er ist: ein geistiges eigenständiges Wesen im Leib — ein Jemand, kein Etwas.

Edith Stein, die große Philosophin und Märtyrerin des 20. Jahrhunderts, hat es so ausgedrückt: „Das ganze bewußte Leben ist nicht gleichbedeutend mit `meinem Sein’ – es gleicht einer belichteten Oberfläche über einer dunklen Tiefe, die sich durch diese Oberfläche kundgibt. Wenn wir das menschliche Personsein verstehen wollen, müssen wir versuchen, in diese Tiefe einzudringen.“2

Diesen Versuch haben wir in diesem Kapitel unternommen. Und die Tiefe, die sich zeigt, ist unauslotbar. Der Mensch ist ein Geheimnis — aber ein Geheimnis, das sich dem aufrichtigen Blick nicht verschließt.


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Fußnoten

  1. Thomas von Aquin, Summa theologiae (1888), Ia, q. 29, a. 3 co.

  2. Stein, Der Aufbau der menschlichen Person (2004), Freiburg: Herder (ESGA), 2004, S. 311.