Mark Coeckelbergh — Professor für Medien- und Technikphilosophie an der Universität Wien und Mitglied der EU-High-Level Expert Group on AI — entwickelt einen relationalen Ansatz zur Roboterethik. Nicht intrinsische Eigenschaften (Bewusstsein, Rationalität, Leid­fähigkeit) konstituieren moralischen Status, sondern die sozialen Beziehungen, in denen ein Wesen steht.

Schlüsselbeitrag

In Robot Rights? Towards a Social-Relational Justification of Moral Consideration (2010) argumentiert Coeckelbergh: Weil wir den intrinsischen Bewusstseins­zustand eines Anderen nie unmittelbar erfassen können, ist moralische Achtung immer eine Frage der Relation. Wenn Menschen mit Pflege- oder Begleitrobotern emotionale Bindungen entwickeln, entsteht — so Coeckelbergh — ein moralisch relevanter Anspruch, der nicht davon abhängt, ob der Roboter an sich leidet oder empfindet.

Coeckelbergh vertritt damit eine Form des ontologischen Agnostizismus: Statt zu fragen was ist ein Roboter?, fragt er wie begegnen wir ihm?. Das erlaubt eine moralisch erweiterungsfähige Sprache, entkoppelt sie aber vom Seinsgrund.

Bedeutung für die Personalontologie — kritische Einordnung

Die Personalontologie weist Coeckelberghs Ansatz im Grundsatz zurück. Die entscheidende Unterscheidung liegt darin, dass Würde und Moralstatus bei realen Personen nicht relational, sondern ontologisch fundiert sind: Die Person ist um ihrer selbst willen zu bejahen — weil sie Person ist, nicht weil jemand ihr begegnet (Personalistische Norm). Ein relationaler Ansatz droht genau das umzukehren: Moralstatus wird Funktion der Wahrnehmung.

Die praktischen Konsequenzen sind gravierend:

  1. Ein Embryo, der keine soziale Relation unterhalten kann, wäre relational moralisch irrelevant.
  2. Ein komatöser Patient ohne erkennbare Responsivität verlöre seine moralische Achtungsberechtigung.
  3. Umgekehrt würden humanoide Roboter, mit denen Menschen emotionale Bindungen eingehen, nominell moralische Ansprüche erwerben.

Dies ist exakt die Inflation des Personbegriffs, vor der Bryson warnt und die die Personalontologie als Personvergessenheit identifiziert. Die Begegnung mit einem Roboter kann echte Gefühle auslösen — diese Gefühle sind real —, aber sie konstituieren keine Würde beim Roboter. Sie offenbaren vielmehr die personale Tiefe des Menschen.

Stellung im Buch

Coeckelbergh ist im Buch der methodisch sorgfältigste Vertreter der Gegenposition. Seine Analyse zwingt die Personalontologie zur Schärfung ihrer eigenen Position: Warum sind intrinsische Eigenschaften moralisch entscheidend und nicht Relationen? Die Antwort lautet: weil die Relation von einem Träger-sein ausgeht — Prote Energeia —, das dem Beziehen vorausgeht. Agere sequitur esse: Auch das Sich-Verhalten setzt ein Sein voraus, das sich verhält.

Siehe auch

Quellenangaben: Coeckelbergh, Mark (2010): „Robot Rights? Towards a Social-Relational Justification of Moral Consideration”. Ethics and Information Technology 12(3), S. 209–221.

Weitere Quellen:

  • Coeckelbergh, Mark (2012): Growing Moral Relations: Critique of Moral Status Ascription. Palgrave Macmillan.
  • Coeckelbergh, Mark (2020): AI Ethics. MIT Press (MIT Press Essential Knowledge Series).
  • Coeckelbergh, Mark (2022): The Political Philosophy of AI: An Introduction. Polity Press.
  • Gunkel, David J. / Coeckelbergh, Mark (2014): „Facing Animals: A Relational, Other-Oriented Approach to Moral Standing”. Journal of Agricultural and Environmental Ethics 27(5), S. 761–774.