5.6 Warum uns das alle angeht
Vielleicht denken Sie an dieser Stelle: Das sind alles wichtige, aber auch sehr grundsätzliche Überlegungen. Was hat das mit meinem Alltag zu tun?
Die Antwort ist: alles.
Denn das Vergessen dessen, wer der Mensch ist, ist kein Problem, das nur Philosophen in ihren Seminaren betrifft. Es betrifft jeden Einzelnen, jede Familie, jede Gemeinschaft, jede Gesellschaft. Es betrifft die Art, wie wir über den Anfang und das Ende des Lebens denken. Es betrifft die Art, wie wir mit Kranken, Alten und Schwachen umgehen. Es betrifft die Art, wie wir unsere Wirtschaft gestalten, unsere Politik betreiben, unsere Kinder erziehen.
Überall dort, wo ein Mensch nicht mehr als Jemand gesehen wird — als eine Person mit unverlierbarer Würde, die um ihrer selbst willen geachtet und geliebt werden soll —, dort wirkt dieses Vergessen. Und überall dort, wo es wirkt, hat es Folgen: Folgen für den konkreten Menschen, der nicht mehr als Person behandelt wird; Folgen für die Gemeinschaft, die ihren sittlichen Maßstab verliert; Folgen für die ganze Gesellschaft, die den Boden unter den Füßen verliert, auf dem allein ein gerechtes Zusammenleben möglich ist.
Denn das Vergessen des Personseins ist, wie wir gesehen haben, immer auch eine sittlich falsche Haltung. Es ist nicht nur ein Irrtum — es ist ein Unrecht. Es bedeutet immer die Entmenschlichung des Menschen, dem sein Menschsein, sein Personsein, seine Würde abgesprochen wird — ob in der Theorie oder in der Praxis, ob bewusst oder unbewusst. Und diese Entmenschlichung ist niemals berechtigt, weil sie dem, was der Mensch wirklich ist, widerspricht.
Es gehört zu den Tendenzen unserer Zeit, dass die verschiedenen Formen dieses Vergessens stärker werden. Die Technologie gibt uns immer mächtigere Werkzeuge in die Hand — Werkzeuge, die großartig sein können, wenn sie im Dienst der Person stehen, und die verheerend wirken, wenn sie die Person zum Objekt machen. Die Bioethik ringt mit Fragen, die frühere Generationen nicht kannten: Wann beginnt der Mensch? Wann darf er sterben? Wer entscheidet darüber? All diese Fragen lassen sich nur beantworten, wenn man weiß, wer der Mensch ist. Und sie werden falsch beantwortet, wenn dieses Wissen verloren gegangen ist.
Aber es gibt auch eine gute Nachricht. Dieses Vergessen ist, wie wir gesehen haben, ein Mangel — ein Fehlen von etwas, das da sein sollte. Und ein Mangel kann behoben werden. Die Einsicht, die verloren gegangen ist, kann wiedergewonnen werden. Der Blick, der blind geworden ist, kann sich wieder öffnen.
Denn die Wahrheit über den Menschen ist nicht verborgen. Sie liegt offen da — für jeden, der bereit ist, hinzuschauen. Sie zeigt sich im Gesicht jedes Menschen, dem wir begegnen. Sie zeigt sich in der Erfahrung, dass wir einander nicht gleichgültig sein können. Sie zeigt sich in dem Erschrecken, das wir empfinden, wenn ein Mensch wie eine Sache behandelt wird. Sie zeigt sich in der Ehrfurcht, die wir vor dem anderen empfinden, wenn wir ihn wirklich wahrnehmen — nicht als Funktion, nicht als Mittel, sondern als den, der er ist.
Der Mensch ist ein Jemand. Er ist es immer gewesen, und er wird es immer sein — von der Empfängnis bis zum Tod und darüber hinaus. Keine Theorie kann das ändern, keine Handlung kann es aufheben. Die Würde des Menschen ist so fest verankert in seinem Sein, dass selbst das tiefste Vergessen sie nicht antasten kann.
Der erste Schritt gegen das Vergessen ist daher einfach — und doch unendlich anspruchsvoll: den anderen als den sehen, der er ist. Nicht als Funktion, nicht als Mittel, nicht als Fall, nicht als Nummer. Sondern als Person. Als Jemand. Als ein Wesen, das eine Würde besitzt, die größer ist als alles, was wir ihm geben oder nehmen könnten.
Wer diesen Blick einmal wirklich getan hat — wer einmal wirklich erkannt hat, dass jeder Mensch, der ihm begegnet, ein Jemand ist —, der kann nicht mehr zurück. Der sieht die Welt mit anderen Augen. Und er sieht auch sich selbst mit anderen Augen: als eine Person, die berufen ist, dem anderen als Person zu begegnen.
Denn die richtige Haltung gegenüber der Person — jene Haltung, die der personalistischen Norm entspricht — ist nicht nur eine Pflicht. Sie ist eine Freude. Wer den anderen wirklich als Person erkennt, der erfährt etwas, das über die bloße Pflichterfüllung hinausgeht: Ehrfurcht, Staunen, Achtung — und letztlich Liebe. Es ist die Erfahrung, dass da ein Wesen steht, das unendlich mehr ist als alles, was man über es sagen oder mit ihm machen kann. Ein Wesen, das als solches zu achten, zu bejahen und zu lieben eine Antwort ist, die der Wirklichkeit entspricht.
Im folgenden und letzten Kapitel werden wir alles zusammenfassen, was wir auf diesem Weg erkannt haben — und fragen, was daraus folgt. Für jeden Einzelnen und für uns alle.
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