Pierre Duhem war ein französischer Physiker, Wissenschaftstheoretiker und Wissenschaftshistoriker. Als gläubiger Katholik verteidigte er die Eigenständigkeit sowohl der Physik als auch der Metaphysik — gegen die szientistische Vereinnahmung beider Seiten. Sein Beitrag zum Buch liegt in der wissenschaftstheoretischen Einsicht, dass die Naturwissenschaft auf nicht-empirische Voraussetzungen angewiesen ist.
Schlüsselbeitrag: Theorienholismus
In seinem Hauptwerk La Théorie physique: son objet, sa structure (1906) zeigt Duhem:
- Kein Experiment prüft eine isolierte Hypothese. Der Physiker unterwirft stets ein ganzes Bündel von Hypothesen der experimentellen Kontrolle — die Hypothese selbst, die Theorie der Messinstrumente, die Hilfshypothesen über die Versuchsbedingungen.
- Ein Widerspruch zwischen Theorie und Beobachtung zeigt nur, dass mindestens eine Annahme im System falsch ist — nicht welche.
- Die Entscheidung, welche Hypothese revidiert wird, erfordert den bon sens — eine praktische Vernunft, die über das rein Empirische hinausgeht.
Diese Einsicht wurde später von Quine zum universalen Holismus aller Erkenntnis radikalisiert: die Duhem-Quine-These.
Physik und Metaphysik
Duhem vertritt eine klare Arbeitsteilung: Die physikalische Theorie ist ein „System mathematischer Sätze”, das empirische Gesetze zusammenfasst und ordnet — aber sie ist kein Abbild der Wirklichkeit. Die Frage, was die Dinge ihrem Wesen nach sind, gehört der Metaphysik, nicht der Physik.
Diese Position schützt die Naturwissenschaft vor szientistischen Übergriffen: Wenn die Physik keine Wesensaussagen macht, kann sie auch nicht beanspruchen, das Personsein zu erklären oder zu leugnen. Zugleich wahrt Duhem die Autonomie der Physik: Sie braucht keine metaphysische Legitimation, um gute Physik zu sein.
Stellung im Buch
Duhems Theorienholismus stützt die These von Kapitel 2, dass die Naturwissenschaft auf philosophische Voraussetzungen angewiesen ist, die sie selbst nicht klären kann. Sein bon sens-Konzept verweist auf jene Rationalität, die die Person als geistiges Wesen auszeichnet — eine Urteilskraft, die sich der naturwissenschaftlichen Methode entzieht.
Zusammen mit Plancks Positivismuskritik und Plantingas Naturalismusargument bildet Duhems Holismus ein drittes Argument gegen den Szientismus — diesmal auf wissenschaftstheoretischer Ebene.
Quellenangaben: Bexten 2017, S. 44–47 (Wissenschaftsbegriff und Methode).
Weitere Quellen:
- Duhem, Pierre (1906): La Théorie physique: son objet, sa structure. Paris: Chevalier & Rivière. — Dt.: Ziel und Struktur der physikalischen Theorien. Übers. F. Adler, Vorwort E. Mach. Leipzig: Barth, 1908. Nachdruck: Hamburg: Meiner (PhB 477), 1998.
- Harding, Sandra G. (Hrsg.) (1976): Can Theories Be Refuted? Essays on the Duhem-Quine Thesis. Synthese Library 81. Dordrecht: Reidel.