John Locke (1632—1704)
John Locke ist der philosophische Hauptgegner des im Buch vertretenen substanzontologischen Personbegriffs. Seine Definition der Person als denkendes Wesen mit Selbstbewusstsein hat die neuzeitliche Debatte über den Personbegriff geprägt und die theoretische Grundlage für die Aufspaltung von “Mensch” und “Person” gelegt.
Schlüsselbeitrag
Locke definiert die Person als “ein denkendes, verständiges Wesen, das Vernunft und Reflexion besitzt und sich als sich selbst betrachten kann”. Das Entscheidende an dieser Definition ist die ontologische Aufspaltung: “Person” wird nicht als Seins-, sondern als Funktionsbegriff verstanden. Person ist man genau dann, wenn man bestimmte Fähigkeiten aktuell ausübt — vor allem Selbstbewusstsein und Vernunft. Damit kann es “Menschen” geben, die keine “Personen” sind (vgl. Bexten 2017, S. 85—100).
Zentrale Ideen im Buch
Empirisch-funktionalistischer Personbegriff
Locke begründet den empirisch-funktionalistischen Personbegriff, der Personsein an die aktuale Ausübung bestimmter Fähigkeiten bindet. Wer nicht (mehr) denkt, nicht (mehr) seiner selbst bewusst ist, ist nach dieser Logik keine Person (mehr). Die Konsequenz: Embryonen, Neugeborene, Menschen mit schwerer Demenz und Komatöse können zu Nicht-Personen erklärt werden. Peter Singer und Derek Parfit ziehen diese Konsequenz explizit.
Aufspaltung von Mensch und Person
Lockes Definition trennt, was Boëthius und Thomas von Aquin zusammengedacht haben: das Sein (die Substanz) und das Tun (die Funktion). Während für die substanzontologische Tradition das Personsein dem Personverhalten vorausgeht (agere sequitur esse), kehrt Locke das Verhältnis um: Erst das Tun (Denken, Selbstbewusstsein) macht jemanden zur Person. Robert Spaemann erkennt in dieser Aufspaltung eine Hauptwurzel der Personvergessenheit.
Cartesianisches Erbe
Lockes Position steht in der Linie von Descartes’ Zweiteilung der Wirklichkeit in res cogitans (denkende Substanz) und res extensa (ausgedehnte Substanz). Wenn der Mensch in Geist und Körper zerfällt, kann die Person nur noch auf der Seite des Geistes — des aktualen Bewusstseins — gesucht werden. Die Leib-Seele-Einheit, die für die thomistische Tradition konstitutiv ist, wird aufgelöst.
Stellung im Buch
Locke wird vor allem in den Kapiteln Was ist eine Person? und Was passiert, wenn wir vergessen, wer der Mensch ist? als Gegenposition dargestellt und kritisiert. Sein empirisch-funktionalistischer Personbegriff wird dem substanzontologischen und dem relationalen Personbegriff gegenübergestellt.
Siehe auch
- Rene Descartes
- Peter Singer
- Derek Parfit
- David Wiggins
- Robert Spaemann
- Boethius
- Thomas von Aquin
- Empirisch-funktionalistischer Personbegriff
- Personbegriff
- Substanzontologischer Personbegriff
- Selbstbewusstsein
- Vernunft
- Personvergessenheit
- Person
- Personsein
- Menschliche Person
- Personverhalten
- Substanz
- Akzidenz
- Würde
- Jemand
- Embryo
- Demenz
- Agere sequitur esse
- Leib-Seele-Einheit
- Erste Dimension
- Personalistische Norm
- Personales Leben
- Biologisches Leben
- Freiheit
- Erkenntnis
- Natur
- Erkenntnisgrund
- Kapitel 3: Personbegriff
- Kapitel 5: Personvergessenheit