Joanna J. Bryson — Professorin für Ethik und Technologie an der Hertie School Berlin (zuvor University of Bath) — gehört zu den klarsten skeptischen Stimmen gegen die Zuschreibung von Rechten oder Moralstatus an Roboter. Ihr provokant betitelter Aufsatz Robots Should Be Slaves (2010) formuliert die Gegenposition zur relationalen und informationsethischen Linie (Coeckelbergh, Floridi).
Schlüsselbeitrag
Brysons These: Roboter sind und bleiben Werkzeuge. Sie sollten rechtlich, ethisch und sprachlich konsequent als solche behandelt werden. Der Titel zielt nicht auf Sklaverei als Unrechtsverhältnis ab — das setzt personale Subjekte voraus —, sondern bezeichnet präzise das Verhältnis: vollständiger Besitz, vollständige Verfügung, vollständige Verantwortlichkeit des Eigentümers.
Brysons Sorge: Die Anthropomorphisierung von Robotern (vor allem sozialer Begleitroboter, humanoider Formen, KI-Assistenten) hat zwei gefährliche Konsequenzen. Erstens entlastet sie die Menschen, die Maschinen entwickeln und einsetzen, von der Verantwortung für deren Wirkungen. Zweitens relativiert sie die Rechte realer Personen, indem sie Rechte an Nicht-Personen ausweitet — und damit die Kategorie Person inflationiert.
Bedeutung für die Personalontologie
Brysons Position konvergiert mit der Personalontologie in einem entscheidenden Punkt: Die Würde kommt Personen zu — nicht Systemen, die Personverhalten simulieren. Ihre Warnung, Anthropomorphisierung führe zu Personvergessenheit in doppelter Richtung (Vermenschlichung der Maschine, Maschinisierung des Menschen), ist eine KI-ethische Parallele zu Spaemanns zentraler These vom Unterschied zwischen Jemand und etwas.
Wo Bryson an die Personalontologie anschließt — und wo sie an einer anderen Sprache arbeitet: Bryson begründet ihre Position funktional, aus dem Schutz realer menschlicher Interessen und der Kohärenz juristischer Zurechnung. Die Personalontologie teilt das praktische Ergebnis, liest es aber als Folge einer tieferliegenden Unterscheidung: Personen sind keine hochentwickelten Werkzeuge, Werkzeuge können keine Personen werden — weil Prote Energeia kein funktionales Merkmal, sondern Modus des Seins ist. Ihre Argumentation lässt sich daher durch den substanzontologisch-relationalen Personbegriff begründend vertiefen, ohne ihre praktischen Konsequenzen zu ändern.
Stellung im Buch
Bryson ist eine gegenwärtige Gewährsfrau für die Position, die das Buch systematisch entfaltet: Personverhalten ohne Personsein ist zwar möglich — und sogar immer häufiger —, aber es konstituiert kein Recht und keine Würde. Sie steht der Ontologie der Personsein-Sprache nahe, ohne sie zu teilen; ihre praktisch-politischen Empfehlungen sind von dorther leicht rekonstruierbar.
Siehe auch
- KI-Ethik
- Künstliche Intelligenz
- Humanoider Roboter
- Pflegeroboter
- Personvergessenheit
- Jemand
- Würde
- Relationaler Personbegriff
- Substanzontologisch-relationaler Personbegriff
- Mark Coeckelbergh
- Luciano Floridi
Quellenangaben: Bryson, Joanna J. (2010): „Robots Should Be Slaves”. In: Y. Wilks (Hg.): Close Engagements with Artificial Companions. John Benjamins, S. 63–74.
Weitere Quellen:
- Bryson, Joanna J. (2018): „Patiency is not a virtue: the design of intelligent systems and systems of ethics”. Ethics and Information Technology 20(1), S. 15–26.
- Bryson, Joanna J. / Diamantis, Mihailis E. / Grant, Thomas D. (2017): „Of, for, and by the people: the legal lacuna of synthetic persons”. Artificial Intelligence and Law 25(3), S. 273–291.