Urphänomenales An-sich-Sein
Das Argument vom urphänomenalen An-sich-Sein gehört zum Kern der substanzontologischen Position und ist besonders eng mit Robert Spaemann verbunden. Es lautet: Das Personsein ist kein abgeleitetes Merkmal, das aus empirischen Beobachtungen oder aus theoretischen Konstruktionen erschlossen werden könnte. Es ist ein Urphänomen — etwas, das sich selbst zeigt, bevor es begrifflich bestimmt werden kann.
Ein Urphänomen ist im Sinne von Goethe und später von der phänomenologischen Tradition eine Erscheinung, auf die alle weiteren Bestimmungen zurückverweisen, die selbst aber nicht mehr auf etwas Tieferliegendes reduziert werden kann. Für die phänomenologische Methode gilt: Wer ein Urphänomen verstehen will, muss es sehen, nicht ableiten. Er muss auf das Phänomen selbst zurückgehen und es in seiner Eigenart erfassen.
Die Person ist in diesem Sinne ein Urphänomen. Wir erkennen die Person des Anderen nicht, indem wir zuerst ein Bündel von Verhaltensweisen beobachten und dann auf ein dahinterstehendes Subjekt schließen. Wir begegnen der Person unmittelbar als Person. Das Kind erkennt seine Mutter als Mutter, bevor es überhaupt einen Personbegriff hat. In jedem Blick, in jedem Wort, in jeder Geste steht die Person selbst vor uns — nicht als Interpretation von Daten, sondern als ursprüngliche Gegebenheit.
Das An-sich-Sein der Person bedeutet, dass sie nicht für etwas anderes da ist, nicht auf einen Zweck hin existiert, nicht Funktion eines Ganzen ist. Sie ist jemand und nicht etwas. Kant hat denselben Gedanken in der Formel gefasst, die Person dürfe niemals bloß als Mittel, sondern müsse stets zugleich als Zweck an sich selbst behandelt werden. Das An-sich-Sein ist der ontologische Grund dieser ethischen Norm.
Das Argument richtet sich zugleich gegen reduktionistische Positionen, die das Personsein auf neuronale Prozesse, auf psychische Funktionen oder auf soziale Konstrukte zurückführen wollen. Wer die Person ableitet, verliert sie. Sie lässt sich nur sehen, nicht konstruieren.
Kapitelzuordnung: Kapitel 3: Was ist eine Person?, Kapitel 2: Zur Methode des Philosophierens
Quellenangaben: Bexten 2017, S. 117–129 (substanzontologischer Personbegriff, An-sich-Sein).
Weitere Quellen:
- Spaemann, Robert (1996): Personen. Klett-Cotta.
- Hildebrand, Dietrich von (1973): Ästhetik, Bd. I. Kohlhammer (Urphänomene).
- Conrad-Martius, Hedwig (1957): Das Sein. München: Kösel.
Ontologische Einordnung: Oberbegriff: Argument; stützt: Substanzontologischer Personbegriff
Siehe auch: Substanzontologischer Personbegriff, Urphänomen, Phänomenologische Methode, Jemand, Natur als Grund, Einmaligkeit der Person, Robert Spaemann, Hedwig Conrad-Martius, Dietrich von Hildebrand, Immanuel Kant, Kapitel 3: Personbegriff, Kapitel 2: Methode