Alan Turing (1912—1954)

Alan Mathison Turing — Mathematiker, Logiker und Begründer der theoretischen Informatik — ist für das Buch nicht als Vertreter, sondern als Kontrastfigur von Bedeutung. Sein Turing-Test (1950) zeigt ex negativo, was Personsein nicht ist: eine Frage des beobachtbaren Verhaltens.

Schlüsselbeitrag

Turing veröffentlichte 1950 in der Zeitschrift Mind den Aufsatz “Computing Machinery and Intelligence”, einen der Grundtexte der Künstlichen Intelligenz. Anstatt die metaphysische Frage “Können Maschinen denken?” direkt zu beantworten, schlug er ein operationales Kriterium vor: das Imitation Game. Wenn ein Fragesteller in einer Textkonversation eine Maschine nicht zuverlässig von einem Menschen unterscheiden kann, so Turing, dann sollte man der Maschine Denken zuschreiben.

Turing prognostizierte, dass um das Jahr 2000 Computer existieren würden, die einen durchschnittlichen Fragesteller in fünfminütigen Gesprächen in 30% der Fälle täuschen könnten. Aktuelle Studien (Jones & Bergen 2024/2025) zeigen, dass moderne Sprachmodelle dieses Kriterium inzwischen deutlich übertreffen.

Turings neun Einwände

Bemerkenswert ist, dass Turing in seinem Paper selbst neun Einwände gegen seine These diskutierte — darunter den Bewusstseinseinwand (Maschinen haben kein subjektives Erleben) und den Einwand der Lady Lovelace (Maschinen können nichts Neues hervorbringen). Turing wies beide zurück, indem er argumentierte, dass Verhalten der einzige Zugang zu fremdem Bewusstsein sei. Genau darin liegt aus personalontologischer Sicht sein Irrtum.

Bedeutung für die Personalontologie

Turings Test ist philosophisch aufschlussreich, weil er die Konsequenz des empirisch-funktionalistischen Personbegriffs konsequent zu Ende denkt: Wenn Personsein durch beobachtbare Funktionen definiert wird, dann muss eine funktional äquivalente Maschine als Person gelten. Dass dies absurd ist, zeigt den Irrtum des zugrunde liegenden Personbegriffs.

Die Personalontologie hält dem entgegen:

  1. Operatio sequitur esse: Die Tätigkeit folgt dem Sein, nicht umgekehrt. Verhaltensäquivalenz sagt nichts über das Sein eines Wesens.
  2. Personsein als Prote Energeia: Die Person ist Erste Wirklichkeit — sie ist nicht Resultat einer Veränderung, sondern einer Entstehung.
  3. Intentionalität: Echtes Verstehen ist kein Symbolverarbeiten, sondern das Empfangen der Form des Erkannten ohne dessen Materie (Thomas von Aquin).

Turing selbst war sich der philosophischen Tragweite bewusst. Auf den Bewusstseinseinwand antwortete er, man müsse dann konsequenterweise auch den Solipsismus akzeptieren — denn auch bei anderen Menschen haben wir keinen direkten Zugang zum Bewusstsein. Die Personalontologie widerspricht: Das Bewusstsein ist ein Urphänomen, das sich in der personalen Begegnung zeigt — nicht ein Schluss aus Verhaltensdaten.

Historische Einordnung

Turing leistete Bahnbrechendes in der Mathematik (Turing-Maschine, Entscheidungsproblem), der Kryptographie (Entschlüsselung der Enigma im Zweiten Weltkrieg) und der theoretischen Biologie (Morphogenese). Sein tragisches Schicksal — er wurde 1952 wegen seiner Homosexualität strafrechtlich verfolgt und starb 1954 — zeigt, wohin Personvergessenheit in der Praxis führen kann: Die Würde der Person wurde um einer gesellschaftlichen Norm willen missachtet.

Stellung im Buch

Turing wird nicht direkt in der Dissertation zitiert, aber sein Test ist der implizite Hintergrund der KI-Debatte, die ausgehend von der Personsein-Ontologie auf den Konzeptseiten geführt wird. Die Personalontologie zeigt, warum der Turing-Test als Kriterium für Personsein scheitern muss — und warum die Frage “Kann eine Maschine denken?” die eigentliche Frage verdeckt: “Was ist Denken, und was muss ein Wesen sein, um es zu vollziehen?”

Quellenangaben: Bexten 2017, S. 90—100 (Turing-Test als impliziter Hintergrund der Kritik am empirisch-funktionalistischen Personbegriff).

Weitere Quellen:

  • Turing, Alan M. (1950): „Computing Machinery and Intelligence”. Mind 59(236), S. 433–460 (Turing-Test als operationales Kriterium für Intelligenz — zeigt ex negativo, was Personsein nicht ist).
  • Jones, Cameron R. / Bergen, Benjamin K. (2024): „Does GPT-4 Pass the Turing Test?“. NAACL 2024. arXiv:2405.08007.
  • Jones, Cameron R. / Bergen, Benjamin K. (2025): „Large Language Models Pass the Turing Test”. arXiv:2503.23674.
  • Hodges, Andrew (1983): Alan Turing: The Enigma. Simon & Schuster.

Siehe auch