Die Geburt ist der Übergang von der pränatalen zur postnatalen Phase einer menschlichen Person. Sie ist ein einschneidendes Ereignis im Leben des Menschen — physiologisch, sozial, biographisch — aber sie verändert nicht den ontologischen Status der Person.
Ontologische Position
Die hier vertretene Personontologie hält fest: Die Person existiert seit der Befruchtung (Gametenverschmelzung) als Person mit voller ontologischer Würde. Die Geburt fügt dem Personsein nichts hinzu, was vorher nicht schon da gewesen wäre — sie ist Phasenübergang, nicht Statuswechsel.
Das Argument greift drei Linien zusammen:
1. Substanzontologische Identität. Vor und nach der Geburt ist es dieselbe menschliche Person. Wäre die Geburt ein ontologischer Statuswechsel, müsste in der Geburt eine neue Substanz entstehen — was die biologische Kontinuität (selbe DNA, selbe Körperidentität, ununterbrochene Lebensaktivität) nicht trägt.
2. Negation der Funktionalismus-Lösung. Funktionalistische Personbegriffe (Locke, Singer, Tooley) versuchen, das Personsein an aktualen Fähigkeiten festzumachen — Selbstbewusstsein, Empfindungsfähigkeit, Präferenzen. Diese Lösungen verlegen den Statuswechsel auf einen späteren Zeitpunkt (Geburt, Lebensjahr 1, Lebensjahr 2). Sie scheitern aber daran, dass das Aktualisieren einer Fähigkeit deren ontologische Verankerung in der Person voraussetzt — die aktive Potenz ist es, die das Personsein konstituiert, nicht ihre kontingente Aktualisierung. Vgl. empirisch-funktionalistischer Personbegriff.
3. Konsequenz für die Bioethik. Aus der ontologischen Identität folgt, dass alle Eingriffe, die das Leben der Person in der pränatalen Phase beenden — Abtreibung, Verwerfen überzähliger Embryonen, Präimplantationsdiagnostik mit selektiver Verwerfung — substanzontologisch dieselbe Qualität haben wie Eingriffe in der postnatalen Phase. Die Geburt ist keine moralisch relevante Schwelle, an der die Personenwürde erst beginnt.
Phänomenologie der Geburt
Was ändert sich in der Geburt — wenn nicht der ontologische Status?
- Physiologisch: Übergang von intrauteriner Versorgung (Plazenta, Fruchtwasser, mütterliche Atmung) zur eigenständigen Atmung, Kreislaufumstellung, eigenständigem Stoffwechsel.
- Sozial: Sichtbarwerden der Person für eine erweiterte Gemeinschaft. Was bisher nur die Mutter, der Vater und engste Angehörige (sowie via Sonographie auch Ärzte) wahrnehmen konnten, tritt in den intersubjektiven Raum.
- Biographisch: Mit der Geburt beginnen die meisten Kulturen das Lebensalter zu zählen. Das ist eine Konvention, kein ontologischer Befund.
Die Personalontologie nimmt diese Veränderungen ernst, ohne sie zu ontologisieren. Die Geburt ist ein Ereignis von hoher menschlicher Bedeutung, ohne ein Statuswechsel zu sein.
Bioethische Konsequenzen
- Abtreibung: Substanzontologisch in jedem Schwangerschaftsstadium die Tötung einer Person; vgl. Abtreibung und Evangelium vitae 58 (Johannes Paul II. 1995).
- Spätabtreibung versus Frühgeburt: Das gleiche Wesen — der nahezu reife Fetus — wird in einer Klinik intensivmedizinisch versorgt und in einer anderen abgetrieben. Die Differenz liegt nicht im Sein des Wesens, sondern in der äußeren Lage und Entscheidung.
- Lebendgeburt nach Spätabtreibung: Nach den entsprechenden Statistiken der WHO und einzelner Länder kommt es jährlich zu Fällen, in denen Kinder nach einer Spätabtreibung lebendgeboren werden. Die hier vertretene Ontologie sieht diese Kinder als das, was sie sind — lebende Personen mit allen Rechten.
Ontologische Einordnung
Oberbegriff: Ereignis (Phasenübergang)
Beziehungen:
- markiert Übergang von: Pränataler Phase zu postnataler Phase
- ändert NICHT: Personsein, Ontologische Würde, Lebensrecht
- vorausgesetzt von: Fetale Phase (als Endpunkt)
Kapitelzuordnung: Kapitel 4: Was ist menschliches Personsein?
Quellenangaben
- Johannes Paul II. (1995): Evangelium vitae, Nr. 58–63. Magisteriale Verankerung der ontologischen Identität ab Befruchtung.
- Spaemann, Robert (1996): Personen. Stuttgart: Klett-Cotta. Argument zur diachronen Identität.
- Seifert, Josef (1976): Was ist und was motiviert eine sittliche Handlung?. Salzburg/München: Universitätsverlag Anton Pustet. (Antrittsvorlesung an der Universität Salzburg.)
Siehe auch
Generiert via Abfrage aus der Personseins-Ontologie.