🇬🇧 English version: Conception of Intelligence

Der Begriff Intelligenz wird in mehreren nicht deckungsgleichen Bedeutungsfeldern verwendet. Eine Ontologie, die das menschliche Personsein nicht in eines dieser Felder kollabieren lassen will, muss die Felder selbst als eigene Begriffe modellieren. Intelligenzkonzeption ist der Oberbegriff für solche Definitionsfamilien.

Sechs Konzeptionen sind inhaltlich tragend:

Empirisch-funktionalistische Konzeption

Spearmans g (1904), die Cattell-Horn-Carroll-Theorie (CHC), Sternbergs triarchisches Modell und Gardners Multiple Intelligences definieren Intelligenz operativ über Testleistung, Anpassungsfähigkeit und Problemlösungsvermögen. Intelligenz ist hier ein latentes Konstrukt aus Testkorrelationen. Ontologisch betrachtet ein Vermögensindikator, kein Vermögen selbst.

Computationale Konzeption

Marrs drei Erklärungsebenen (1982), Russell und Norvigs Artificial Intelligence: A Modern Approach sowie Hutters AIXI-Modell formulieren Intelligenz als Vermögen, Ziele in komplexen Umwelten zu erreichen — operationalisiert als Optimierungsverfahren oder bounded rationality. Substratneutral, blind gegen Wer-Fragen.

Substanzontologische Konzeption

Aristoteles (De anima III), Thomas von Aquin (Summa Theologiae I, q. 79), Spaemann (Personen 1996), Pieper. Intellectus als Vermögen der vernünftigen Seele, dessen Akt das Erkennen des Wahren ist. Erste Wirklichkeit (Prote Energeia): das Vermögen als Habitus. Zweite Wirklichkeit (Deutera Energeia): der Vollzug. Diese Konzeption ist die Leitlinie der vorliegenden Personalontologie.

Phänomenologische Konzeption

Husserl (Logische Untersuchungen VI), Edith Stein (Endliches und ewiges Sein), Dan Zahavi. Intelligenz als intentionale Aktstruktur eines Ich-Pols — Wahrnehmen, Urteilen, Schließen, Erinnern als Akte aus erster Person.

Theologische Konzeption

Augustinus (De trinitate IX–X), Thomas, Bonaventura. Menschliche Intelligenz als endliche participatio am göttlichen Logos. Intelligenz ist relational konstituiert — auf Wahrheit hin, die nicht selbsterzeugt ist. Anschluss-Linie für das substanzontologisch-relationale Personverständnis.

Konsequenz für die Ontologie

Es gibt nicht die Intelligenz, sondern Intelligenz-unter-einer-Beschreibung. Eine Ontologie, die Personalität präzise fassen will, modelliert die Konzeptionen als eigene Klassen, nicht als ein einziges Konstrukt. Erst auf dieser begrifflichen Grundlage lässt sich sinnvoll fragen, welche Konzeption die menschliche Sonderstellung erfasst.

Ontologische Einordnung

Quellenangaben: Recherchestand 25. April 2026.

Weitere Quellen:

  • Spaemann, Robert (1996): Personen. Versuche über den Unterschied zwischen „etwas” und „jemand”. Stuttgart: Klett-Cotta.
  • Pieper, Josef (1947): Wahrheit der Dinge. Eine Untersuchung zur Anthropologie des Hochmittelalters. München: Kösel.
  • Aristoteles: De anima III (Bekker-Paginierung).
  • Thomas von Aquin: Summa Theologiae I, q. 79 (De potentiis intellectivis).
  • Augustinus: De trinitate IX – X (CCSL 50/50A).
  • Bonaventura: Itinerarium mentis in Deum (1259); kritische Edition Quaracchi, Opera Omnia Bd. V (1891); deutsche Ausgabe: lateinisch-deutsch übersetzt von Julian Kaup, München: Kösel 1961.
  • Spearman, Charles (1904): General intelligence, objectively determined and measured. American Journal of Psychology 15: 201 – 292.
  • McGrew, Kevin S. (2009): CHC theory and the human cognitive abilities project: Standing on the shoulders of the giants of psychometric intelligence research. Intelligence 37(1): 1 – 10. DOI: 10.1016/j.intell.2008.08.004.
  • Sternberg, Robert J. (1985): Beyond IQ: A Triarchic Theory of Human Intelligence. Cambridge University Press.
  • Gardner, Howard (2011): Frames of Mind: The Theory of Multiple Intelligences, 3. Aufl. New York: Basic Books (Erstausgabe 1983).
  • Husserl, Edmund (1901 / 1984): Logische Untersuchungen II/2: Elemente einer phänomenologischen Aufklärung der Erkenntnis (VI. Untersuchung). Husserliana XIX/2, Den Haag: M. Nijhoff.
  • Stein, Edith (1950 / 2006): Endliches und ewiges Sein. Versuch eines Aufstiegs zum Sinn des Seins. Edith Stein Gesamtausgabe (ESGA) 11/12, Freiburg: Herder.
  • Marr, David (1982): Vision. San Francisco: W. H. Freeman.
  • Russell, Stuart & Norvig, Peter (2020): Artificial Intelligence: A Modern Approach, 4. Aufl., Pearson.
  • Hutter, Marcus (2005): Universal Artificial Intelligence. Berlin: Springer.
  • Legg, Shane & Hutter, Marcus (2007): A Collection of Definitions of Intelligence. Frontiers in Artificial Intelligence and Applications 157: 17 – 24.

Siehe auch