Peter Singer (*1946)
Peter Singer ist der prominenteste zeitgenössische Vertreter der These, dass nicht alle Menschen Personen sind. Im Buch dient seine Position als Beispiel für die radikalen Konsequenzen des empirisch-funktionalistischen Personbegriffs und als Warnung vor der praktischen Personvergessenheit.
Schlüsselbeitrag
Singer vertritt einen empirisch-funktionalistischen Personbegriff: Personsein wird an empirisch feststellbare Fähigkeiten gebunden — vor allem an Rationalität, Selbstbewusstsein und die Fähigkeit, Zukunftsinteressen zu haben. Daraus folgt die provokante These: Nicht alle Menschen sind Personen. Embryonen, Neugeborene und Menschen mit schwerer Demenz oder irreversiblem Bewusstseinsverlust sind nach Singer keine Personen, weil sie die geforderten Fähigkeiten nicht (mehr) aktuell ausüben. Umgekehrt könnten höhere Tiere Personen sein, wenn sie die entsprechenden Fähigkeiten besitzen (vgl. Bexten 2017, S. 90—100).
Zentrale Ideen im Buch
Trennung von Mensch und Person
Singer zieht die logische Konsequenz aus Lockes Aufspaltung von “Mensch” und “Person”: Wenn Person ein Funktionsbegriff ist, dann gibt es menschliche Wesen, die keine Personen sind — und nicht-menschliche Wesen, die Personen sein könnten. Die Würde und der Lebensschutz hängen dann nicht am Menschsein, sondern an der aktualen Fähigkeit zu rationaler Selbstreflexion.
Umkehrung von agere sequitur esse
Singers Position ist die vollständige Umkehrung des thomistischen Grundsatzes agere sequitur esse: Nicht das Sein bestimmt das Handeln, sondern das aktuale Handeln (die empirisch feststellbare Funktion) bestimmt, ob jemand als Person gilt. Personsein wird zum Personverhalten — wer sich nicht personal verhält, ist keine Person.
Theoretische und praktische Personvergessenheit
Spaemann sieht in Singers Position die Einheit von theoretischer und praktischer Personvergessenheit: Die falsche Theorie (Person = Funktion) führt zur falschen Praxis (kein Schutz für “Nicht-Personen”). Das Buch zeigt: Singers Argumentation beruht auf der Verwechslung von Personsein (Erste Dimension) und Personverhalten (Zweite Dimension).
Stellung im Buch
Singer wird in den Kapiteln Was ist eine Person? und Was passiert, wenn wir vergessen, wer der Mensch ist? als Gegenposition analysiert. Seine Argumentation wird an Boëthius’ Einsicht gemessen, dass Person nicht im Bereich der Akzidenzien, sondern der Substanz zu suchen ist.
Siehe auch
- John Locke
- Derek Parfit
- Rene Descartes
- Robert Spaemann
- Boethius
- Thomas von Aquin
- David Wiggins
- Karol Wojtyła
- Josef Seifert
- Empirisch-funktionalistischer Personbegriff
- Personvergessenheit
- Person
- Personsein
- Personverhalten
- Selbstbewusstsein
- Würde
- Embryo
- Demenz
- Personalistische Norm
- Agere sequitur esse
- Menschliche Person
- Personbegriff
- Substanzontologischer Personbegriff
- Substanz
- Akzidenz
- Jemand
- Vernunft
- Erkenntnis
- Freiheit
- Erste Dimension
- Zweite Dimension
- Natur
- Befruchtung
- Menschenbegriff
- Leib-Seele-Einheit
- Kapitel 3: Personbegriff
- Kapitel 5: Personvergessenheit