Peter Singer ist der prominenteste zeitgenössische Vertreter der These, dass nicht alle Menschen Personen sind. Im Buch dient seine Position als Beispiel für die radikalen Konsequenzen des empirisch-funktionalistischen Personbegriffs und als Warnung vor der praktischen Personvergessenheit.

Schlüsselbeitrag

Singer vertritt einen empirisch-funktionalistischen Personbegriff: Personsein wird an empirisch feststellbare Fähigkeiten gebunden — vor allem an Rationalität, Selbstbewusstsein und die Fähigkeit, Zukunftsinteressen zu haben. Daraus folgt die provokante These: Nicht alle Menschen sind Personen. Embryonen, Neugeborene und Menschen mit schwerer Demenz oder irreversiblem Bewusstseinsverlust sind nach Singer keine Personen, weil sie die geforderten Fähigkeiten nicht (mehr) aktuell ausüben. Umgekehrt könnten höhere Tiere Personen sein, wenn sie die entsprechenden Fähigkeiten besitzen (vgl. Bexten 2017, S. 90—100).

Zentrale Ideen im Buch

Trennung von Mensch und Person

Singer zieht die logische Konsequenz aus Lockes Aufspaltung von “Mensch” und “Person”: Wenn Person ein Funktionsbegriff ist, dann gibt es menschliche Wesen, die keine Personen sind — und nicht-menschliche Wesen, die Personen sein könnten. Die Würde und der Lebensschutz hängen dann nicht am Menschsein, sondern an der aktualen Fähigkeit zu rationaler Selbstreflexion.

Umkehrung von agere sequitur esse

Singers Position ist die vollständige Umkehrung des thomistischen Grundsatzes agere sequitur esse: Nicht das Sein bestimmt das Handeln, sondern das aktuale Handeln (die empirisch feststellbare Funktion) bestimmt, ob jemand als Person gilt. Personsein wird zum Personverhalten — wer sich nicht personal verhält, ist keine Person.

Gegenargument: Aktive Potenz

Das Potentialitätsargument — in seiner aristotelisch-thomistischen Schärfung durch Günther Pöltner — trifft Singers Position auf ontologischer Ebene: Wer Personsein an aktuale Rationalität bindet, verwechselt aktive Potenz mit passiver Möglichkeit. Die rationale Natur des Embryos ist prote energeia (erste Wirklichkeit), die sich entfaltet, nicht erst erworben wird.

Der performative Widerspruch

Die radikalste Antwort des Buchprojekts auf Singer ist der performative Widerspruch — eine eigene Weiterführung Bextens (2026) in Anschluss an Karl-Otto Apels Transzendentalpragmatik, die eine systematische Lücke bei Spaemann schließt und in dieser Form nicht in der Dissertation 2017 enthalten ist. Wer als Philosoph argumentiert, Gründe vorbringt, Einwände widerlegt und einen Wahrheitsanspruch erhebt, vollzieht in diesen Akten genau das, was er theoretisch auf eine schmale Teilmenge der Menschen einschränken will: das Personsein als vernünftiges, wahrheitsfähiges, verantwortliches Gegenübersein. Singers Position widerlegt sich nicht im Inhalt ihrer Aussagen, sondern im Vollzug des Behauptens. Hinzu treten der Ausschluss-Einwand — Embryonen, Neugeborene, schwer demente Menschen fallen aus Singers Personenkreis heraus — und der Einwand der diachronen Identität, der zeigt, dass Singers Rückführung des Personseins auf psychologische Kontinuität die personale Identität bereits voraussetzen muss, die sie erst begründen soll. Beide Einwände sind bereits in der Dissertation 2017 systematisch entfaltet.

Theoretische und praktische Personvergessenheit

Spaemann sieht in Singers Position die Einheit von theoretischer und praktischer Personvergessenheit: Die falsche Theorie (Person = Funktion) führt zur falschen Praxis (kein Schutz für “Nicht-Personen”). Das Buch zeigt: Singers Argumentation beruht auf der Verwechslung von Personsein (Erste Dimension) und Personverhalten (Zweite Dimension).

Stellung im Buch

Singer wird in den Kapiteln Was ist eine Person? und Was passiert, wenn wir vergessen, wer der Mensch ist? als Gegenposition analysiert. Seine Argumentation wird an Boëthius’ Einsicht gemessen, dass Person nicht im Bereich der Akzidenzien, sondern der Substanz zu suchen ist.

Quellenangaben: Bexten 2017, S. 90—100 (Singers empirisch-funktionalistischer Personbegriff und die Konsequenz der Trennung von Mensch und Person).

Weitere Quellen:

  • Practical Ethics (1979/1993). Cambridge University Press (Personsein an Rationalitaet und Selbstbewusstsein gebunden — nicht alle Menschen sind Personen)
  • Rethinking Life and Death (1994). Melbourne: Text Publishing (Radikale Konsequenzen des funktionalistischen Personbegriffs fuer Lebensschutz und Bioethik)

Siehe auch