Positivismus bezeichnet die erkenntnistheoretische Position, dass nur empirisch Verifizierbares sinnvolle Erkenntnis liefert. Was sich nicht messen, beobachten oder experimentell überprüfen lässt, gilt als sinnlos oder bestenfalls als subjektive Meinung. In seiner strengen Form (Wiener Kreis, logischer Positivismus) wird die gesamte Metaphysik als sinnlos verworfen.
Für die Frage nach dem Personsein ist der Positivismus folgenreich: Wenn nur empirisch Messbares als wirklich gilt, kann das Personsein — das sich nicht wiegen, messen oder photographieren lässt — nicht als realer Sachverhalt anerkannt werden. Die Würde der Person, die Seele, die Freiheit des Willens — all dies fällt aus dem Bereich des Erkennbaren heraus. Was bleibt, ist der Leib als physikalisches Objekt.
Performativer Selbstwiderspruch
Der Positivismus widerspricht sich selbst: Die These „Nur empirisch Verifizierbares ist sinnvoll” ist selbst nicht empirisch verifizierbar. Sie ist eine metaphysische These über die Grenzen der Erkenntnis — und widerlegt sich damit im Akt ihrer Behauptung. Dies ist eine Form des performativen Widerspruchs.
Plancks Kritik aus der Naturwissenschaft
Max Planck hat 1937 eine bemerkenswerte Kritik des Positivismus aus der Naturwissenschaft selbst formuliert. Der Positivismus sei als rein kritische Methode unfruchtbar: „Zum Vorwärtskommen gehören neue, schöpferische, aus Messungsresultaten allein nicht abzuleitende Ideenverbindungen — und solchen steht der Positivismus grundsätzlich ablehnend gegenüber.” Planck zeigt, dass die Naturwissenschaft selbst auf Voraussetzungen angewiesen ist, die nicht empirisch gewonnen werden: die Existenz einer realen Außenwelt, die Geltung der Kausalität, die Reproduzierbarkeit von Messungen. Konsequenter Positivismus münde in einen „unvernünftigen Solipsismus”.
Positivismus als Personvergessenheit
Der Positivismus ist eine Form der theoretischen Personvergessenheit, weil er das Personsein methodisch unsichtbar macht. Wer nur das empirisch Messbare gelten lässt, kann die erste Dimension des Personseins — das grundlegende geistige Dasein — nicht erkennen. Der Positivismus bereitet damit den Szientismus und den empirisch-funktionalistischen Personbegriff vor: Wenn nur Beobachtbares zählt, wird das Personsein an beobachtbare Funktionen gebunden.
Kapitelzuordnung: Kapitel 5: Personvergessenheit, Kapitel 2: Methode
Ontologische Einordnung: Unterklasse von: Theoretische Personvergessenheit. Widerspricht: Philosophie, Metaphysik.
Quellenangaben: Bexten 2017, S. 218–254 (Theoretische Personvergessenheit).
Weitere Quellen:
- Planck, Max (1937): „Religion und Naturwissenschaft”. Vortrag, gehalten im Baltikum im Mai 1937. Abgedruckt in: Planck, Max: Vorträge und Erinnerungen. Stuttgart: Hirzel, 1949.
- Spaemann, Robert (1996): Personen. Versuche über den Unterschied zwischen „etwas” und „jemand”. Stuttgart: Klett-Cotta.