Transzendenz bezeichnet das Überschreiten des Endlichen auf das Unbedingte und Absolute hin. Sie ist ein Grundzug des menschlichen Geistes, der in Erkenntnis, Sittlichkeit und Religiosität wirksam ist. Die Person ist nicht in der Endlichkeit eingeschlossen, sondern vermag in ihren geistigen Akten das Gegebene zu übersteigen und sich auf das Absolute Sein hin zu öffnen.

In der Anthropologie Karol Wojtyłas bildet die Transzendenz zusammen mit der Integration das Doppelprinzip des personalen Aktes. Integration bezeichnet die Einbeziehung aller somatischen und psychischen Dynamismen in den freien Akt. Transzendenz meint die Selbstüberschreitung der Person im freien Handeln.

Die menschliche Person erfährt Transzendenz in der Dritten Dimension ihres Personseins: in der freien Hinwendung zum Guten, zum anderen Jemand und letztlich zum Absoluten. Transzendenz verweist so auf die Frage nach Sinn und Transzendenz.

Ontologische Einordnung

Oberbegriff: Seiendes

Ontologische Beziehungen:

Gebet

Die personale Hinwendung an das Absolute in Form der Anrede. Das Gebet setzt voraus, dass das Absolute personal ist — es ist Ausdruck der Ich-Du-Beziehung zur absoluten Person. Als personaler Akt verwirklicht das Gebet die tiefste Möglichkeit der Selbsttranszendenz: Die Person überschreitet sich selbst auf das Absolute hin und tritt in eine interpersonale Beziehung mit dem Grund alles Seienden.

Das Gebet gehört wesentlich zur Dritten Dimension des personalen Lebens, die Bexten im Anschluss an Wojtyła und Hildebrand beschreibt. In dieser Dimension steht die Person nicht nur in Beziehung zu sich selbst (Erste Dimension) oder zu anderen endlichen Personen (Zweite Dimension), sondern zum Absoluten selbst. Das Gebet ist die paradigmatische Verwirklichung dieser Dimension: Es ist Anrede — und damit wesentlich verschieden von bloßer Meditation oder Selbstreflexion. Indem die Person „Du” zum Absoluten sagt, vollzieht sie einen Akt, der die Interpersonalität auf ihre höchste Stufe hebt (vgl. Bexten 2017, S. 244–250).

Als personaler Akt setzt das Gebet die volle Personalität des Betenden voraus: Erkenntnis (die Person erkennt das Absolute als personal), freien Willen (die Hinwendung ist frei) und Affektivität (die Anrede ist von Ehrfurcht, Vertrauen und Liebe getragen).

Zugleich verweist das Gebet auf die Heiligkeit als Berufung der Person. Im Gebet antwortet die Person auf den Anruf des Absoluten und verwirklicht ihre tiefste Bestimmung. Das Gebet ist damit kein bloß religiöser Zusatz zum personalen Leben, sondern dessen Vollendung.

Ontologische Einordnung:

Ontologische Beziehungen:

Kapitelzuordnung: Kapitel 4: Personsein, Kapitel 5: Personvergessenheit

Siehe auch: Person, Absolutes Sein, Interpersonalität, Dritte Dimension, Heiligkeit, Selbsttranszendenz, Personaler Akt, Ehrfurcht, Affektivität

Religiöse Erfahrung

Die religiöse Erfahrung ist eine genuine Form der geistigen Erfahrung, in der die Person dem Heiligen begegnet. Sie ist irreduzibel auf bloß psychologische Zustände oder subjektive Gefühle: Was in ihr erfasst wird, hat den Charakter objektiver Gegebenheit (vgl. Bexten 2017, S. 128 ff.).

Dietrich von Hildebrand betont, dass die religiöse Erfahrung eine adäquate Wertantwort auf das Heilige darstellt — eine Antwort, die den ganzen Menschen in seiner Leib-Seele-Einheit ergreift. Max Scheler unterscheidet sie als eigenständige Erkenntnisquelle von sinnlicher und rein rationaler Erkenntnis. Pascal spricht vom „coeur” als dem Organ, das Gott unmittelbar erfasst — jenseits der bloßen Vernunftdemonstration, aber nicht gegen die Vernunft.

Entscheidend ist: Die religiöse Erfahrung setzt die Transzendenz der Person voraus — ihre Fähigkeit, über sich selbst hinaus auf ein Unbedingtes hin offen zu sein.

Siehe auch

Quellenangaben: Bexten 2017, S. 271–289 (Dritte Dimension, Selbsttranszendenz).

Weitere Quellen:

  • Wojtyła, Karol (1969): Osoba i czyn. Kraków (dt.: Person und Tat, Freiburg: Herder, 1981). (Transzendenz und Integration als Doppelprinzip des personalen Aktes)
  • Hildebrand, Dietrich von (1973): Ethik. In: Gesammelte Werke, Bd. II. Regensburg: Habbel. (Dritte Dimension und Wertantwort)
  • Pascal, Blaise (1670): Pensées. (Das Herz als Organ der Gotteserkenntnis)
  • Spaemann, Robert (1996): Personen. Versuche über den Unterschied zwischen „etwas” und „jemand”. Stuttgart: Klett-Cotta. (Selbsttranszendenz der Person)