Szientismus

Szientismus ist die These, dass die Naturwissenschaft die einzige oder paradigmatische Form von Erkenntnis sei. Was die Wissenschaft nicht beantworten könne, könne überhaupt nicht beantwortet werden. In der Personsein-Ontologie wird der Szientismus als Form der theoretischen Personvergessenheit eingeordnet.

Performativer Selbstwiderspruch

Die These „nur naturwissenschaftliche Erkenntnis ist echte Erkenntnis” ist selbst keine naturwissenschaftliche Erkenntnis. Sie ist nicht empirisch, nicht falsifizierbar, nicht experimentell überprüfbar. Wenn sie wahr ist, ist sie nach ihren eigenen Kriterien keine echte Erkenntnis.

Spaemann formuliert dies pointiert: Der Naturalismus sei „die einzige Philosophie, die sich ausdrücklich als nicht-philosophisch versteht und gerade dadurch unkritisch wird.”

Methodologischer Naturalismus

Der methodologische Naturalismus ist die Beschränkung der naturwissenschaftlichen Methode auf natürliche Ursachen. Als methodische Selbstbeschränkung innerhalb der Naturwissenschaft ist er legitim: Thomas von Aquin selbst würde zustimmen — die Naturphilosophie erforscht die causae secundae (Zweitursachen), ohne bei jedem Schritt auf die causa prima (Erstursache) zu rekurrieren.

Problematisch wird der methodologische Naturalismus erst, wenn er zur ontologischen These universalisiert wird: Von „in der Naturwissenschaft lassen wir nur natürliche Ursachen zu” wird zu „es gibt nur natürliche Ursachen”. Dieser Übergang ist der Kern des Szientismus.

Ontologischer Naturalismus

Der ontologische Naturalismus behauptet: Es gibt nur Natürliches — keine immateriellen Seelen, keine Freiheit im starken Sinne, keinen Gott. Er ist eine metaphysische These, die sich als anti-metaphysisch ausgibt.

Aus Sicht der Personsein-Ontologie ist der ontologische Naturalismus eine Form der theoretischen Personvergessenheit, weil er das Personsein auf natürliche Prozesse reduziert. Er widerspricht dem substanzontologischen Personbegriff: Wenn es keine geistige Substanz gibt, kann die Person nicht als geistiges Wesen verstanden werden.

Reduktionismus

Der Reduktionismus behauptet, dass alle Phänomene auf eine grundlegendere Ebene reduzierbar seien: Biologie auf Chemie, Chemie auf Physik, Bewusstsein auf Gehirnprozesse. Er ist selbstwiderlegend: Wenn alle mentalen Zustände „nichts als” physikalische Prozesse sind, hat auch die Überzeugung „der Reduktionismus ist wahr” keinen Wahrheitswert, sondern nur eine kausale Genese.

Der Reduktionismus widerspricht dem Personsein: Die Person als geistige Substanz mit Freiheit, Intentionalität und Würde ist prinzipiell irreduzibel. Edith Steins Analyse der Einfühlung, Hildebrands Wertantwort, Schelers Wertethik — all dies hat eine qualitative Eigenart, die bei der Reduktion auf physikalische Prozesse verloren geht.

Phänomene jenseits des Naturalismus

Vier Phänomene, an denen der Naturalismus scheitert:

  1. Qualia: Das Rötliche des Rot, die Schmerzhaftigkeit des Schmerzes — qualitative Erlebnisgehalte, die sich jeder quantitativen Beschreibung entziehen (Jacksons „Marys Zimmer”, Leibniz’ Mühlenargument)
  2. Intentionalität: Bewusstseinsakte sind auf etwas gerichtet (Brentano). Kein physikalischer Zustand ist von sich aus auf etwas anderes gerichtet
  3. Freiheit: Thomas argumentiert, dass der Wille durch das als gut Erkannte bewegt, aber nicht determiniert wird. Freiheit ist Selbstbestimmung durch Vernunft
  4. Würde: Die ontologische Würde der Person ist ein objektiver Wert, der sich nicht auf natürliche Eigenschaften reduzieren lässt

Lebenswelt

Husserls Krisis-Schrift (1936) diagnostiziert die Lebensweltvergessenheit der Naturwissenschaften: Die vorwissenschaftliche, qualitative, sinnhafte Welt der alltäglichen Erfahrung ist die Grundlage aller wissenschaftlichen Abstraktion. Die Naturwissenschaft setzt sie voraus und kann sie nicht ersetzen.

Der Objektivismus — die These, die mathematisch-physikalische Welt sei die „wahre” Welt — verwechselt ein Modell mit der Wirklichkeit. Die erlebte Welt ist nicht weniger real als die physikalische — sie ist sogar primärer, weil sie die Ausgangsbasis ist, von der alle Wissenschaft ihren Anfang nimmt.

Ontologische Einordnung

Oberbegriff: Theoretische Personvergessenheit

Ontologische Beziehungen:

Quellenangaben: Bexten 2017, S. 104, 208 (Naturwissenschaft und ihre Grenzen).

Weitere Quellen:

  • Spaemann, Robert: Das Natürliche und das Vernünftige (1987). München: Piper. (Naturalismuskritik)
  • Spaemann, Robert: Personen. Versuche über den Unterschied zwischen „etwas” und „jemand” (1996). Klett-Cotta. (Person ist irreduzibel)
  • Seifert, Josef: Erkenntnis objektiver Wahrheit (1972). Salzburg: Pustet. (Eigenständigkeit der Wesensschau)
  • Husserl, Edmund: Die Krisis der europäischen Wissenschaften und die transzendentale Phänomenologie (1936). (Lebensweltvergessenheit)
  • Nagel, Thomas: What Is It Like to Be a Bat? (1974). The Philosophical Review 83(4). (Irreduzibilität des Bewusstseins)
  • Plantinga, Alvin: Warrant and Proper Function (1993). Oxford UP. (Evolutionäres Argument gegen den Naturalismus)

Siehe auch: