Die Unterscheidung von Akt (Wirklichkeit) und Potenz (Möglichkeit) geht auf Aristoteles zurück und ist von bleibender Bedeutung für die Frage nach dem Personsein. Die Möglichkeit ist nicht nichts — sie ist etwas ganz Reales. Die Eichel hat wirklich die Anlage zur Eiche in sich, nicht etwa die Anlage zu einem Elefanten. Was ein Seiendes der Möglichkeit nach werden kann, zeigt, was es dem Wesen nach bereits ist.

Aus dem Buch

“Ein Eichensamen ist nicht schon eine Eiche. Aber er ist auch nicht nichts. Er trägt die Möglichkeit in sich, eine Eiche zu werden. Diese Möglichkeit ist real — sie gehört zum Wesen des Samens.”

Wirklichkeit und Möglichkeit, Kapitel 4

Das Buch unterscheidet drei Arten von Möglichkeit (vgl. Bexten 2017, S. 155—170): Erstens die passive Möglichkeit: Ein Stück Holz kann zum Stuhl verarbeitet werden, strebt aber nicht von sich aus danach; die Verwirklichung kommt von außen. Zweitens die aktive Anlage (aktive Potenz): Die Eichel strebt von innen heraus danach, Eiche zu werden; die Richtung liegt in ihr selbst. Drittens die erlernbare Fähigkeit: Ein Mensch kann Klavier spielen lernen, weil er die aktive Anlage dazu besitzt, die er dann ausbildet.

Diese Unterscheidung ist für die Frage nach dem Embryo entscheidend. Der Embryo hat nicht bloß die passive Möglichkeit, eines Tages zu denken (wie Holz zum Stuhl werden kann). Er hat die aktive Anlage dazu. Er strebt von innen heraus auf die Entfaltung seiner Denk-, Willens- und Liebesfähigkeit hin.

Der Unterschied zwischen aktiver und passiver Möglichkeit reicht allein aus, um zu verstehen, warum die menschliche Zygote eine menschliche Person und keine “potentielle Person” ist. Der Embryo entfaltet, was er bereits ist. Er wird nicht erst zum Menschen gemacht — er ist Mensch und entfaltet sein Menschsein von der Substanz her. Günther Pöltner hat dieses Verständnis des Potentialitätsarguments systematisch herausgearbeitet: Aktive Potenz ist nicht die Möglichkeit, später Person zu werden, sondern die schon vorhandene rationale Natur in ihrer ersten Wirklichkeit.

Kapitelzuordnung: Kapitel 4: Was ist menschliches Personsein? (bes. 4.4)

Akt

Die Verwirklichung, das Wirklichsein eines Seienden. Der Akt (actus, griech. energeia) ist der Gegenbegriff zur Potenz: Während die Potenz das Vermögen oder die Möglichkeit bezeichnet, ist der Akt die tatsächliche Verwirklichung. Beide zusammen bilden das Grundprinzipienpaar Akt und Potenz, das die gesamte Wirklichkeit durchzieht.

Für das Verständnis der Person ist die Unterscheidung zwischen Erster Wirklichkeit (prote energeia — das substantielle Sein der Person) und Zweiter Wirklichkeit (deutera energeia — die Ausübung personaler Vermögen) entscheidend: Das Personsein ist Akt erster Ordnung und geht jeder Tätigkeit ontologisch voraus (vgl. Bexten 2017, S. 166–172).

Ontologische Einordnung:

Kapitelzuordnung: Kapitel 4: Personsein

Siehe auch: Personsein, Person, Embryo, Substanz, Form und Stoff, Seele, Erste Dimension, Zweite Dimension, Dritte Dimension, Personverhalten, Erkenntnis, Freiheit, Liebe, Würde, Jemand, Biologisches Leben, Leib-Seele-Einheit, Menschliche Person, Natur, Agere sequitur esse, Personbegriff, Befruchtung, Demenz, Metaphysik, Wesensgesetz, Urphänomen, Selbstbewusstsein, Vernunft, Personalistische Norm, Leib, Einsicht, Wahrheit, Personvergessenheit, Basale Relationen, Personales Leben, Aristoteles, Thomas von Aquin, Hedwig Conrad-Martius, Robert Spaemann, Josef Seifert, Kapitel 4: Personsein, Potentia objectiva, Potentia subjectiva, Form und Materie

Siehe auch: Potenz, Akt und Potenz, Prote Energeia, Deutera Energeia, Personsein, Personverhalten, Substanz, Aristoteles, Thomas von Aquin

Aktive Potenz

Der einem Seienden intrinsische, wesenseigentümliche Entwicklungshang, etwas zu werden oder zu aktualisieren, was noch nicht verwirklicht ist (z. B. die Potenz des Embryos, rationales Verhalten zu entwickeln). Die aktive Potenz ist von der Passiven Potenz streng zu unterscheiden: Während die passive Potenz lediglich das Vermögen bezeichnet, von außen verändert zu werden, bringt die aktive Potenz die Verwirklichung aus sich selbst hervor.

Für die Personalontologie ist die aktive Potenz von zentraler Bedeutung: Der Embryo besitzt die aktive Potenz zum Personverhalten — nicht weil ihm etwas von außen hinzugefügt werden müsste, sondern weil das rationale Lebensprinzip (Seele) von der Empfängnis an intrinsisch wirksam ist (vgl. Bexten 2017, S. 170–178).

Ontologische Einordnung:

Ontologische Beziehungen:

Kapitelzuordnung: Kapitel 4: Personsein

Siehe auch: Passive Potenz, Potenz, Akt und Potenz, Personsein, Personverhalten, Embryo, Erste Dimension, Kompetenz

Deutera Energeia

Zweite Wirklichkeit; die Ausübung von Tätigkeiten und Vermögen, die in der Ersten Wirklichkeit (Substanz) angelegt sind (z. B. aktuelles Denken, Wollen, Lieben). Die Deutera Energeia ist der aristotelische Begriff für die zweite Verwirklichungsstufe: die Tätigkeit, die aus dem substantiellen Sein hervorgeht.

Für die Personalontologie ist die Unterscheidung zwischen Prote Energeia und Deutera Energeia zentral. Das Personsein ist Prote Energeia — es geht jedem Personverhalten ontologisch voraus und kann durch kein Personverhalten konstituiert werden. Denken, Wollen, Fühlen, Handeln sind Deutera Energeia. Sie setzen das Personsein voraus, begründen es aber nicht. Wer die Person auf ihre Deutera Energeia reduziert (wie der empirisch-funktionalistische Personbegriff), verwechselt den Erkenntnisgrund mit dem Seinsgrund (vgl. Bexten 2017, S. 166–172).

Ontologische Einordnung:

  • Oberbegriff: Akt

Ontologische Beziehungen:

Kapitelzuordnung: Kapitel 4: Personsein

Siehe auch: Prote Energeia, Akt, Personsein, Personverhalten, Zweite Dimension, Dritte Dimension, Bewusstsein, Agere sequitur esse, Aristoteles, Robert Spaemann

Passive Potenz

Das Vermögen eines Seienden, durch extrinsischen Einfluss verändert zu werden. Im Unterschied zur Aktiven Potenz, die den intrinsischen Entwicklungshang eines Seienden bezeichnet, meint die passive Potenz die bloße Empfänglichkeit für Einwirkung von außen.

Die Unterscheidung zwischen aktiver und passiver Potenz ist für die Personalontologie entscheidend: Die menschliche Person besitzt eine aktive Potenz zum Personverhalten — sie entwickelt Rationalität, Freiheit und Liebe aus sich selbst heraus, wenn die Entwicklung nicht behindert wird. Die Person wird nicht von außen zur Person gemacht, sondern entfaltet, was sie von der Empfängnis an wesenhaft ist (vgl. Bexten 2017, S. 170–178).

Ontologische Einordnung:

Ontologische Beziehungen:

Kapitelzuordnung: Kapitel 4: Personsein

Siehe auch: Aktive Potenz, Potenz, Akt und Potenz, Personsein

Potentia objectiva

Die potentia objectiva ist die bloße Denkmöglichkeit: die logische Widerspruchsfreiheit eines Sachverhalts. Sie bezeichnet kein reales Vermögen eines existierenden Seienden, sondern reine Nicht-Widersprüchlichkeit. Etwas ist “objektiv möglich”, wenn es gedacht werden kann, ohne in einen logischen Widerspruch zu geraten.

Die Unterscheidung von potentia objectiva und potentia subjectiva ist für die Personsein-Ontologie von entscheidender Bedeutung. Ein Wesen, das noch kein Personsein besitzt, hat keine potentia subjectiva, Person zu werden. Es gibt keine “potentiellen Personen” (vgl. Bexten 2017, Kap. 4.5). Die potentia objectiva ist als Unterklasse der Potenz disjunkt von der potentia subjectiva.

Ontologische Einordnung: Oberbegriff: Potenz, Akt und Potenz; disjunkt mit: Potentia subjectiva

Potentia subjectiva

Die potentia subjectiva ist das reale Vermögen eines existierenden Seienden (subiectum), sich zu etwas zu entwickeln. Anders als die bloße Denkmöglichkeit der potentia objectiva handelt es sich hier um ein tatsächliches, in einem realen Träger verankertes Vermögen.

Die zentrale These der Dissertation lautet: Es gibt keine potentia subjectiva, Person zu werden. Es gibt keine potentiellen Personen (vgl. Bexten 2017, Kap. 4.5). Wer als Mensch existiert, ist von Anfang an Person, nicht potentielle Person. Der Embryo hat die potentia subjectiva, sein Personverhalten zu aktualisieren (d.h. zu denken, zu wollen, zu lieben). Er hat aber nicht die potentia subjectiva, Person zu werden — denn er ist bereits Person. Diese Unterscheidung ist grundlegend für das Verständnis der Ersten Dimension des Personseins.

Ontologische Einordnung: Oberbegriff: Potenz, Akt und Potenz; disjunkt mit: Potentia objectiva

Potenz

Die Möglichkeit, Fähigkeit oder das Vermögen eines Seienden, etwas zu werden oder zu tun. Die Potenz ist der Gegenbegriff zum Akt: Während der Akt die Verwirklichung bezeichnet, meint die Potenz die noch nicht verwirklichte Möglichkeit. Beide zusammen bilden das Grundprinzipienpaar Akt und Potenz.

Die Potenz gliedert sich in: Aktive Potenz (intrinsischer Entwicklungshang), Passive Potenz (Empfänglichkeit für Einwirkung von außen), Potentia Subjectiva (reales Vermögen eines existierenden Seienden) und Potentia Objectiva (bloße Denkmöglichkeit). Für die Personalontologie ist entscheidend: Es gibt keine Potentia Subjectiva, Person zu werden — es gibt keine potentiellen Personen. Die Person ist von der Empfängnis an (vgl. Bexten 2017, S. 166–178).

Ontologische Einordnung:

Kapitelzuordnung: Kapitel 4: Personsein

Siehe auch: Akt, Akt und Potenz, Aktive Potenz, Passive Potenz, Personsein, Embryo, Erste Dimension, Aristoteles, Thomas von Aquin

Prote Energeia

Erste Wirklichkeit; die Substanz als solche, die die Möglichkeit zu einer Vielzahl weiterer Aktualisierungen in sich birgt. Die Person ist Prote Energeia (Spaemann/Aristoteles): Sie ist nicht Resultat einer Veränderung, sondern einer Entstehung.

Die Prote Energeia ist der Schlüsselbegriff für das Verständnis des Personseins. Das Personsein ist erste Wirklichkeit. Es geht jedem Personverhalten ontologisch voraus und kann durch kein Personverhalten konstituiert werden. Die Deutera Energeia (zweite Wirklichkeit: Denken, Wollen, Lieben) setzt die Prote Energeia voraus.

Ein Mensch, der aktuell kein Personverhalten ausübt — Embryo, Schlafender, Demenzkranker —, hört nicht auf, Person zu sein. Sein Personsein ist Prote Energeia (vgl. Bexten 2017, S. 166–172).

Ontologische Einordnung:

  • Oberbegriff: Akt

Ontologische Beziehungen:

Kapitelzuordnung: Kapitel 4: Personsein

Siehe auch: Deutera Energeia, Akt, Personsein, Person, Substanz, Personverhalten, Grundwirklichkeitsform, Erste Dimension, Agere sequitur esse, Aristoteles, Robert Spaemann

Quellenangaben: Bexten 2017, S. 162–168 (Grundbedeutungen), S. 227–229 (Von der Potenz zum Akt).

Weitere Quellen:

  • Aristoteles: Metaphysik IX (Theta), 1045b–1052a (zur Grundunterscheidung von Akt und Potenz).
  • Thomas von Aquin: Summa Theologiae I, q. 77, a. 1 (zum Verhältnis von Substanz und Vermögen).
  • Spaemann, Robert (1996): Personen. Versuche über den Unterschied zwischen „etwas” und „jemand”. Stuttgart: Klett-Cotta (zur Unterscheidung von Prote und Deutera Energeia bei der Person).
  • Seifert, Josef (1987): Back to ‘Things in Themselves’. A Phenomenological Foundation for Classical Realism. London/New York: Routledge & Kegan Paul (zur ontologischen Grundlegung der Akt-Potenz-Unterscheidung).
  • Conrad-Martius, Hedwig (1957): Das Sein. München: Kösel (zur Realität der Potenz).

Ontologische Einordnung: Unterbegriffe: Akt, Potenz