Cicely Saunders — ausgebildete Krankenschwester, Sozialarbeiterin und Ärztin — ist die Begründerin der modernen Hospizbewegung. Mit der Gründung des St Christopher’s Hospice in London 1967 hat sie eine Institution geschaffen, die in den folgenden Jahrzehnten weltweit zum Vorbild für mehr als 8000 stationäre Hospize wurde. Ihr theoretischer Hauptbeitrag — das Konzept des Total Pain — prägt bis heute die Palliativmedizin.

Schlüsselbeitrag

Saunders zeigt: Das Leiden im Sterben ist kein Aggregat einzelner Schmerzformen, sondern ein unteilbares Ganzes mit vier ineinander wirkenden Dimensionen — physisch, psychisch, sozial und spirituell. Wer nur die somatische Dimension behandelt, behandelt die Person nicht. Aus dieser Diagnose folgte die hospizliche Antwort: interdisziplinäre Teams, ganzheitliche Begleitung, würdebewahrende Pflege bis zum letzten Atemzug.

Personalontologisch hat Saunders’ Konzept eine auffällige Strukturparallele zur Anthropologie des Buches: Die Person ist als leiblich-geistige Einheit kein Aggregat, sondern eine ganze Person, deren Leiden personale Tiefe hat.

Lebensweg

Saunders durchlief drei medizinische Berufe — ein für ihre Zeit ungewöhnlicher Weg, der ihre interdisziplinäre Sicht auf das Sterben fundiert hat:

  • Krankenschwester (Examen 1944) — direkter Kontakt mit Sterbenden in der klinischen Praxis
  • Medizinische Sozialarbeiterin — die soziale Dimension des Sterbens
  • Ärztin (Approbation 1957, am St Joseph’s Hospice tätig) — die medizinische Verantwortung für Schmerztherapie und Sterbebegleitung

Zwischen 1958 und 1967 entwickelte sie am St Joseph’s Hospice in London das Konzept des Total Pain. 1967 gründete sie das St Christopher’s Hospice in Sydenham (London) — das erste moderne Hospiz mit integrierter Schmerztherapie, Forschung und Lehre. Das Modell verbreitete sich innerhalb weniger Jahre international.

Devise

„You matter because you are you, and you matter to the end of your life.”

Personalontologisch übersetzt: Das Personsein ist unverlierbar; die Würde der Person dauert bis zum letzten Atemzug. Die Aussage steht in einer Linie mit dem substanzontologisch-relationalen Personbegriff der Diss: Personsein ist nicht an aktuale Funktion gebunden, sondern bleibt durch alle Phasen des Lebens gleich.

Position zur Euthanasie

Saunders hat sich zeitlebens gegen die Euthanasie ausgesprochen — nicht aus dogmatischer Pflicht, sondern aus klinischer Erfahrung. Wo das Total Pain ernst genommen und ganzheitlich behandelt wird, verschiebt sich die Frage. Sie wird nicht mehr „wie wird das Leiden beendet”, sondern „wie wird die Person bis zum Ende begleitet”.

Damit hat Saunders einen institutionellen Gegenpol zur Euthanasie-Bewegung geschaffen. Die Hospizbewegung ist die strukturelle Antwort auf die praktische Personvergessenheit eines Sterbens, das die Person auf den Funktionsverlust reduziert.

Internationaler Einfluss

Aus St Christopher’s wurde innerhalb von Jahrzehnten eine globale Bewegung:

  • Australien und Neuseeland (frühe 1970er-Jahre)
  • USA (Erstes Hospiz 1974 in Connecticut nach St-Christopher’s-Modell)
  • Deutschland (erste Hospizgründungen ab den 1980er-Jahren)
  • Österreich, Schweiz, Niederlande, weitere westliche Länder
  • Mittlerweile auch in Ost- und Südosteuropa, Lateinamerika, Afrika

Saunders wurde 1979 zur Dame Commander of the Order of the British Empire ernannt. 2001 erhielt sie den Conrad N. Hilton Humanitarian Prize. Sie starb 2005 im St Christopher’s Hospice — in derjenigen Institution, die sie selbst gegründet hatte.

Bedeutung für die Personontologie

Saunders ist keine Philosophin im akademischen Sinn. Ihre Bedeutung für die in diesem Buch entwickelte Personontologie liegt in zwei Punkten:

Erstens zeigt das Total-Pain-Konzept empirisch, was die Spaemann-Linie philosophisch behauptet: Die Person ist nicht in funktionale Bestandteile zerlegbar. Wer im Sterben nur somatisch denkt, übersieht den Menschen.

Zweitens ist das Hospiz die institutionelle Verkörperung der Position, dass das Personsein nicht an aktuale Funktion gebunden ist. In jeder Sterbephase — präfinal, terminal, sterbend — bleibt die Person Person. Die Erste Dimension des Personseins ist unverletzlich; die Aktualisierung der Zweiten und Dritten Dimension wird begleitet, nicht bewertet.

Quellenangaben

Saunders’ eigene Schriften (Auswahl)

  • Saunders, Cicely (1958): Dying of cancer. St Thomas’s Hospital Gazette 56(2): 37—47.
  • Saunders, Cicely (1959): The need for institutional care for the patient with advanced cancer. In: Anniversary Volume, Madras: Cancer Institute, S. 1—8.
  • Saunders, Cicely (1964): The symptomatic treatment of incurable malignant disease. Prescribers’ Journal 4(4): 68—73.
  • Saunders, Cicely (1967): The management of terminal illness. London: Hospital Medicine Publications.
  • Saunders, Cicely (1981): The founding philosophy. In: Saunders, Cicely; Summers, Dorothy H.; Teller, Neville (Hg.): Hospice: The Living Idea. London: Edward Arnold, S. 4—6.
  • Saunders, Cicely (1992): Voluntary euthanasia. Palliative Medicine 6(1): 1—5.
  • Saunders, Cicely (1996): A personal therapeutic journey. British Medical Journal 313(7072): 1599—1601.
  • Saunders, Cicely (Hg., 2006): Cicely Saunders: Selected Writings 1958—2004. Oxford: Oxford University Press.

Biographien und historische Studien

  • Du Boulay, Shirley; Rankin, Marianne (2007): Cicely Saunders: The Founder of the Modern Hospice Movement (überarb. Aufl.). London: SPCK Publishing. Standardbiographie.
  • Clark, David (2018): Cicely Saunders: A life and legacy. Oxford: Oxford University Press. Wissenschaftliche Werkbiographie.
  • Clark, David (Hg., 2002): Cicely Saunders — Founder of the Hospice Movement: Selected Letters 1959—1999. Oxford: Oxford University Press.

Theoretische Rekonstruktion ihres Beitrags

  • Clark, David (1999): „Total pain”, disciplinary power and the body in the work of Cicely Saunders, 1958—1967. Social Science & Medicine 49(6): 727—736.
  • Clark, David (2007): From margins to centre: A review of the history of palliative care in cancer. The Lancet Oncology 8(5): 430—438.

Würdigungen und Nachrufe

Zur Personontologie der Diss

  • Bexten, Raphael E. (2017): Was ist menschliches Personsein? Der Mensch im Spannungsfeld von Personvergessenheit und unverlierbarer ontologischer Würde. Eichstätt-Ingolstadt: Univ., Diss.

Siehe auch


Generiert via Abfrage aus der Personseins-Ontologie.