Anti-Essentialismus bezeichnet die philosophische Position, die unveränderliche Wesensformen (essentia, quidditas) bestreitet. In dieser Sicht gibt es keine bleibende Natur der Dinge und keine bleibende Natur des Menschen — es gibt nur Prozesse, Konstruktionen, historische Zuschreibungen. Was der Mensch ist, wird nicht entdeckt, sondern gemacht.
Für die Frage nach dem Personsein ist der Anti-Essentialismus eine grundlegende Herausforderung: Wenn es keine Wesensform des Menschen gibt, gibt es auch keine Substanz der Person, die durch alle Veränderungen hindurch dieselbe bleibt. Die Person wird dann zu einem Bündel von Eigenschaften, einem Konstrukt, einem Namen für eine bestimmte Konfiguration — aber nicht zu einem Jemand, der ist.
Wurzeln
Der Anti-Essentialismus hat zwei Hauptwurzeln. Die erste ist der Empirismus (Locke, Hume): Wenn nur Sinneserfahrung Erkenntnis liefert, ist die Wesensform nicht erkennbar, weil sie kein Sinnesobjekt ist. Die zweite ist das dialektische Denken (Hegel): Wenn der Widerspruch die Wahrheit des Seins ist und alles im Werden begriffen ist, gibt es kein bleibendes Wesen.
Beide Stränge konvergieren in der Gegenwartsphilosophie: Der Konstruktivismus, der Historismus und der Poststrukturalismus bestreiten die Möglichkeit, das Wesen des Menschen zu erkennen — und damit die Grundlage des substanzontologischen Personbegriffs.
Konsequenzen für die Personalontologie
Ohne Wesensform gibt es kein agere sequitur esse: Denn wenn die Person kein bleibendes Wesen hat, folgt ihr Handeln keinem Sein. Ohne Wesensform gibt es keine ontologische Würde: Denn Würde setzt voraus, dass die Person etwas ist, das Achtung verdient — nicht bloß etwas tut. Ohne Wesensform gibt es keine erste Dimension des Personseins: Denn das grundlegende geistige Dasein ist genau das Sein der Wesensform.
Vittorio Possenti hat gezeigt, dass der Anti-Essentialismus zur Auflösung des Personprinzips führt: Ohne essentia gibt es kein principium persona — kein Prinzip, das die Person als Person konstituiert und von allem Nicht-Personalen unterscheidet.
Thomistische Antwort
Die thomistische Tradition hält dem entgegen: Die Wesensform ist kein Zusatz zum Sein, sondern das, wodurch ein Seiendes ist, was es ist. Sie ist nicht konstruiert, sondern dem Sein selbst zugehörig. Thomas unterscheidet essentia und esse — das Wesen und den Seinsakt — und zeigt, dass beides zusammen die konkrete Wirklichkeit ausmacht. Das Wesen des Menschen — die rationale Seele als Form des Leibes — ist nicht verhandelbar, weil es keine Zuschreibung ist, sondern der ontologische Grund, der den Menschen zum Menschen macht.
Kapitelzuordnung: Kapitel 5: Personvergessenheit, Kapitel 3: Personbegriff
Ontologische Einordnung: Unterklasse von: Theoretische Personvergessenheit. Leugnet: Wesensform, Substanz.
Quellenangaben: Bexten 2017, S. 218–254 (Theoretische Personvergessenheit), S. 113–141 (Substanzontologie und Wesensform).
Weitere Quellen:
- Possenti, Vittorio (2013): Il nuovo principio persona. Rom: Armando.
- Spaemann, Robert (1996): Personen. Versuche über den Unterschied zwischen „etwas” und „jemand”. Stuttgart: Klett-Cotta.
- Stockhausen, Alma von (1990): Der Geist im Widerspruch — Von Luther zu Hegel. Weilheim-Bierbronnen: Gustav-Siewerth-Akademie.