Wissenschaft ist die methodisch geordnete, auf Wahrheit gerichtete Erkenntnis der Wirklichkeit. Sie ist Aktualisierung der Rationalität und Wahrheitsfähigkeit im gemeinschaftlichen Erkenntnisprozess. Die Frage, was Wissenschaft ist, hat weitreichende Konsequenzen für die Frage, ob die Philosophie überhaupt als Wissenschaft gelten kann — und damit für die gesamte Personontologie.
Klassischer Wissenschaftsbegriff
Für Aristoteles ist episteme wesentlich Wissen durch Ursachen: Wir wissen etwas, wenn wir die Ursache kennen, aus der die Sache ist, und wissen, dass es sich nicht anders verhalten kann (Analytica Posteriora I, 2). Thomas von Aquin präzisiert: scientia ist sichere Erkenntnis durch Ursachen (certitudo cognitionis per causas).
Der klassische Wissenschaftsbegriff umfasst vier gleichrangige Erklärungsprinzipien: Materialursache, Formursache, Wirkursache und Zweckursache (causa finalis). Vollständiges wissenschaftliches Wissen erfordert die Kenntnis aller vier Ursachen. Die Philosophie — insbesondere die Metaphysik — ist nach diesem Verständnis nicht nur eine Wissenschaft, sondern die höchste Wissenschaft, weil sie die ersten Prinzipien und letzten Ursachen untersucht.
Die Wesenserschauung als Methode der realistischen Phänomenologie steht in dieser Tradition: Sie erfasst notwendige Wesenswahrheiten durch intellektuelle Einsicht — nicht durch Experiment oder Messung, aber mit derselben Strenge.
Moderner Wissenschaftsbegriff
Seit dem 17. Jahrhundert wurde der Wissenschaftsbegriff zunehmend verengt auf:
- Empirische Überprüfbarkeit: Wissenschaftliche Aussagen müssen sich an der Beobachtung bewähren
- Falsifizierbarkeit (Popper): Wissenschaftlich ist eine Theorie, wenn sie prinzipiell widerlegbar ist
- Reproduzierbarkeit: Ergebnisse müssen unter gleichen Bedingungen wiederholbar sein
Diese Verengung schließt methodisch die Formal- und Zweckursache aus. Sie ist selbst eine philosophische Entscheidung, die sich nicht innerhalb ihres eigenen Rahmens legitimieren kann — denn die These „nur empirisch Überprüfbares ist wissenschaftlich” ist selbst nicht empirisch überprüfbar.
Für die Personsein-Ontologie ist diese Unterscheidung zentral: Wenn nur der moderne Wissenschaftsbegriff gilt, ist die Philosophie keine Wissenschaft — und die gesamte Frage nach dem Personsein wird unwissenschaftlich. Wenn der klassische Wissenschaftsbegriff gilt, ist die Philosophie die Grundlagenwissenschaft, die die Voraussetzungen der Naturwissenschaft erst klärt.
Erste Philosophie (Metaphysik)
Aristoteles nennt die Metaphysik prote philosophia (Erste Philosophie): Sie untersucht das Seiende als Seiendes und die ersten Prinzipien, auf die alle anderen Wissenschaften implizit zurückgreifen. Sie begründet die Voraussetzungen der Naturwissenschaft:
- Dass es eine reale Außenwelt gibt
- Dass sie erkennbar ist
- Dass Kausalität gilt
- Dass die Natur regelmäßig verfährt
Keine dieser Voraussetzungen ist selbst naturwissenschaftlich begründbar — sie sind metaphysische Prämissen. Die Erste Philosophie geht der Naturwissenschaft ontologisch voraus.
Naturwissenschaft als Regionalwissenschaft
Die Naturwissenschaft ist aus philosophischer Sicht eine Regionalwissenschaft: Sie untersucht eine bestimmte Region des Seienden (die materiell-quantitative Natur) mit einer bestimmten Methode (empirisch-experimentell-mathematisch). Das ist keine Abwertung, sondern eine Verortung:
- Innerhalb ihres Bereichs ist die Naturwissenschaft außerordentlich erfolgreich
- Außerhalb ihres Bereichs — Wesenheiten, Werte, Sinn, Freiheit, das Personsein als solches — ist sie nicht kompetent
Thomas von Aquin bietet die Unterscheidung der gradus abstractionis: Die Physik abstrahiert von der individuellen Materie, die Mathematik auch von der sinnlichen Materie, die Metaphysik von aller Materie. Die moderne Naturwissenschaft bewegt sich auf den ersten beiden Stufen und erreicht die dritte nie.
Naturalismus-Kritik
Alvin Plantinga hat in Where the Conflict Really Lies (2011) gezeigt, dass der wahre Konflikt nicht zwischen Theismus und Wissenschaft besteht, sondern zwischen Naturalismus und Wissenschaft. Die Voraussetzungen der Wissenschaft — Ordnung der Natur, Zuverlässigkeit der Vernunft, Verständlichkeit der Welt — werden durch den Theismus besser begründet als durch den Naturalismus. Sein Evolutionary Argument Against Naturalism zeigt: Unter naturalistischen Voraussetzungen ist die Wahrheitsfähigkeit der Vernunft nicht begründbar — und damit die Grundlage der Wissenschaft selbst untergraben.
Max Planck hat aus der Physik heraus bestätigt, dass die Naturwissenschaft metaphysische Voraussetzungen hat und der Positivismus als rein kritische Methode unfruchtbar ist.
Die Duhem-Quine-These ergänzt diese Kritik auf wissenschaftstheoretischer Ebene: Wenn kein Experiment eine einzelne Hypothese isoliert prüfen kann (Duhem) und die Gesamtheit des Wissens ein Netz bildet, das die Erfahrung nur an den Rändern berührt (Quine), dann ist auch die szientistische These „nur empirisches Wissen ist echtes Wissen” selbst nicht rein empirisch begründbar.
Ontologische Einordnung
Oberbegriff: Kultur
Unterklassen:
- Klassischer Wissenschaftsbegriff
- Moderner Wissenschaftsbegriff
- Philosophie (subClassOf Wissenschaft)
- Naturwissenschaft (subClassOf Wissenschaft)
Ontologische Beziehungen:
- setzt voraus: Rationalität, Wahrheitsfähigkeit
- Philosophie geht ontologisch voraus: Naturwissenschaft
Quellenangaben: Bexten 2017, S. 44–47, 208.
Weitere Quellen:
- Aristoteles: Analytica Posteriora I, 2. (Wissen aus Gründen)
- Thomas von Aquin: Summa Theologiae I, q. 1. (Wissenschaftsbegriff)
- Popper, Karl R. (1934): Logik der Forschung. Zur Erkenntnistheorie der modernen Naturwissenschaft. Wien: Julius Springer. (Falsifizierbarkeit)
- Husserl, Edmund: Philosophie als strenge Wissenschaft (1911). (Philosophie als Wissenschaft)
- Seifert, Josef: Erkenntnis objektiver Wahrheit (1972). Salzburg: Pustet. (Eigenständigkeit philosophischer Erkenntnis)
Siehe auch:
- Kapitel 2: Methode
- Phänomenologie
- Phänomenologische Methode
- Metaphysik
- Wesenserschauung
- Erkenntnis
- Wahrheit
- Rationalität
- Natur
- Naturalistischer Fehlschluss
- Naturwissenschaft
- Szientismus
- Aristoteles
- Thomas von Aquin
- Edmund Husserl
- Josef Seifert
- Alvin Plantinga
- Max Planck
- Positivismus
- Causa finalis
- Duhem-Quine-These
- Falsifikationismus
- Pierre Duhem
- Willard Van Orman Quine