Willard Van Orman Quine war ein amerikanischer Logiker und Philosoph, der als einer der einflussreichsten analytischen Philosophen des 20. Jahrhunderts gilt. Er lehrte an der Harvard University (1936–1978). Sein Beitrag zum Buch liegt in der Radikalisierung von Duhems Theorienholismus: Quine zeigt, dass die Gesamtheit menschlichen Wissens ein Netz bildet, „das die Erfahrung nur an den Rändern berührt” — mit weitreichenden Konsequenzen für den Anspruch des Szientismus.
Schlüsselbeitrag: Two Dogmas of Empiricism
In Two Dogmas of Empiricism (1951) attackiert Quine zwei Grundpfeiler des Logischen Positivismus:
1. Die analytisch-synthetische Unterscheidung
Die scharfe Grenze zwischen begrifflichen Wahrheiten (analytisch: „Alle Junggesellen sind unverheiratet”) und Tatsachenwahrheiten (synthetisch: „Es regnet”) lässt sich nach Quine nicht aufrechterhalten. Jeder Versuch, „analytisch” zu definieren, setzt Begriffe voraus, die selbst klärungsbedürftig sind.
2. Der Reduktionismus
Die These, jede sinnvolle Aussage lasse sich auf Erfahrungsdaten zurückführen, scheitert am Holismus: Aussagen stehen nie isoliert vor dem Tribunal der Erfahrung, sondern immer nur im Verbund mit dem gesamten Wissensgebäude.
Confirmation Holism
Quines berühmtes Bild: Die Gesamtheit unseres Wissens ist „ein von Menschen gemachtes Gewebe, das die Erfahrung nur an den Rändern berührt.” Logik und Mathematik bilden das Zentrum des Netzes, empirische Aussagen die Peripherie. Eine Konfrontation mit Erfahrung erzwingt nicht die Aufgabe bestimmter Sätze, sondern nur eine Umordnung des gesamten Gefüges.
Damit radikalisiert Quine Duhems auf die Physik begrenzten Holismus zur Duhem-Quine-These: dem Holismus aller Erkenntnis.
Bedeutung für die Naturalismus-Kritik
Quine selbst war Naturalist — er vertrat eine naturalisierte Epistemologie, die Erkenntnistheorie als Teil der empirischen Psychologie versteht. Doch die Konsequenzen seiner eigenen These untergraben diesen Naturalismus:
- Wenn keine Aussage isoliert empirisch prüfbar ist, dann ist auch die naturalistische These „nur empirisches Wissen zählt” selbst nicht rein empirisch begründbar.
- Die Wahl zwischen konkurrierenden Theorien erfordert Kriterien wie Einfachheit, Kohärenz und Fruchtbarkeit — Kriterien, die keine empirischen Befunde sind, sondern Ausdruck der Rationalität des erkennenden Subjekts.
Plantinga zeigt in seinem Evolutionary Argument Against Naturalism, dass Quines naturalisierte Epistemologie sich selbst aufhebt: Wenn unsere kognitiven Fähigkeiten nur auf adaptives Verhalten selektiert wurden, gibt es keinen Grund, ihnen Wahrheitsfähigkeit zuzutrauen.
Stellung im Buch
Quines Holismus liefert — unbeabsichtigt — ein starkes Argument für die Position der Personsein-Ontologie: Die Philosophie ist keine überflüssige Spekulation neben der Naturwissenschaft, sondern gehört zum unverzichtbaren Kern des Wissensnetzes. Die Frage nach dem Personsein lässt sich nicht durch den Verweis auf Falsifizierbarkeit aus der Wissenschaft ausschließen.
Quellenangaben: Bexten 2017, S. 44–47 (Moderner Wissenschaftsbegriff).
Weitere Quellen:
- Quine, Willard Van Orman (1951): „Two Dogmas of Empiricism”. In: The Philosophical Review 60(1), S. 20–43.
- Quine, Willard Van Orman (1960): Word and Object. Cambridge, MA: MIT Press.
- Harding, Sandra G. (Hrsg.) (1976): Can Theories Be Refuted? Essays on the Duhem-Quine Thesis. Synthese Library 81. Dordrecht: Reidel.