Hubert Lederer Dreyfus — Phänomenologe an der University of California, Berkeley — war der profilierteste philosophische Kritiker der klassischen Künstlichen Intelligenz. Sein Werk What Computers Can’t Do (1972, überarbeitet 1992 als What Computers Still Can’t Do) formulierte in einer Zeit KI-Optimismus die Gegenthese: Menschliche Intelligenz lässt sich nicht in explizite Regeln formalisieren.

Schlüsselbeitrag

Dreyfus stützt sich auf Martin Heidegger und Maurice Merleau-Ponty: Menschliches Verstehen wurzelt in einer vorprädikativen, leiblich situierten Lebenswelt. Wir erfassen Bedeutung nicht durch Regelbefolgung, sondern weil wir in einer Welt mit-sind, in der uns Dinge in ihrer Bewandtnis begegnen. Ein Hammer ist zum Hämmern, nicht die Summe seiner Merkmale. Diese Praxis-Verbundenheit ist nicht symbolisch kodierbar.

Die Fünf-Stufen-Theorie der Expertise (Dreyfus/Dreyfus 1986) zeigt, wie menschliche Könnerschaft von Regelanwendung zur situativen Intuition fortschreitet — Experten handeln nicht mehr nach Regeln, sondern aus einem leiblichen Gespür für die Situation. Dieses Gespür lässt sich nicht formalisieren.

Bedeutung für die Personalontologie

Dreyfus’ Position ist hoch kompatibel mit der Personalontologie, wenn auch aus phänomenologischer statt substanzontologischer Perspektive. Beide Ansätze lehnen den empirisch-funktionalistischen Personbegriff ab: Personsein realisiert sich in einem Weltverhältnis, das leibliches Hier-Sein, Innerlichkeit und Intentionalität voraussetzt.

Interessant: Selbst in der Zeit neuronaler Netze bleibt Dreyfus’ Kritik einschlägig. Auch VLA-Modelle (Vision-Language-Action) wie Helix oder GR00T operieren nicht aus situierter Weltlichkeit, sondern aus statistischen Mustern. Sie simulieren das Resultat leiblichen Verstehens, ohne das Verstehen selbst zu realisieren. Ein humanoider Roboter ist nicht in der Welt zuhanden, sondern vorhanden — er erfüllt Funktionen, aber er wohnt nicht.

Stellung im Buch

Dreyfus ergänzt das Buch um eine Traditionslinie, die mit Heidegger und Merleau-Ponty genuin phänomenologische Ressourcen für die KI-Kritik mobilisiert. Während Spaemann die Substanzmetaphysik stark macht und Searle analytisch argumentiert, zeigt Dreyfus: Auch eine genuin kontinentale Phänomenologie kommt nach gründlicher Prüfung zu demselben Schluss wie die realistische Phänomenologie — Personsein ist kein Funktionsgefüge.

Siehe auch

Quellenangaben: Bexten 2017, S. 95–97 (Dreyfus-Rezeption der KI-Kritik im Umkreis der Personvergessenheit).

Weitere Quellen:

  • Dreyfus, Hubert L. (1972): What Computers Can’t Do: A Critique of Artificial Reason. Harper & Row.
  • Dreyfus, Hubert L. (1992): What Computers Still Can’t Do: A Critique of Artificial Reason. MIT Press.
  • Dreyfus, Hubert L. / Dreyfus, Stuart E. (1986): Mind over Machine: The Power of Human Intuition and Expertise in the Era of the Computer. Free Press.
  • Dreyfus, Hubert L. (1991): Being-in-the-World: A Commentary on Heidegger’s Being and Time, Division I. MIT Press.