Die Lebenswelt ist ein Schlüsselbegriff aus Edmund Husserls Spätwerk Die Krisis der europäischen Wissenschaften und die transzendentale Phänomenologie (1936). Sie bezeichnet die vorwissenschaftliche, qualitative, sinnhafte Welt der alltäglichen Erfahrung — die Welt, in der wir leben, bevor wir sie wissenschaftlich objektivieren.

Bedeutung für die Phänomenologie

Die Lebenswelt ist der Ausgangspunkt jeder phänomenologischen Analyse. Husserl zeigt, dass die neuzeitliche Naturwissenschaft die Lebenswelt stillschweigend voraussetzt, aber methodisch ausblendet: Sie ersetzt die erlebte Welt der Farben, Klänge, Bedeutungen und Werte durch eine mathematisierte Idealwelt — und vergisst dabei, dass diese Idealisierung selbst eine Leistung des erlebenden Subjekts ist.

Die Phänomenologische Methode kehrt zur Lebenswelt zurück, um die Fundamente freizulegen, auf denen alle Wissenschaft ruht. Nicht die abstrakte Formel, sondern das konkrete Erleben ist das primäre Datum.

Lebenswelt und Personsein

Für die Personalontologie ist die Lebenswelt der Raum, in dem sich Personsein zeigt: In der Begegnung mit anderen Personen, im Erleben von Würde, Ehrfurcht und Bejahung. Die Person begegnet uns nicht als messbares Objekt, sondern als ein Gegenüber in der Lebenswelt — als jemand, nicht als etwas.

Der Szientismus übergeht die Lebenswelt, indem er nur das gelten lässt, was sich quantifizieren und messen lässt. Husserls Krisis-Diagnose ist daher eine philosophische Vorstufe zur Kritik der Personvergessenheit: Wer die Lebenswelt vergisst, vergisst auch die Person.

Ontologische Einordnung

Ontologische Beziehungen:

Kapitelzuordnung: Kapitel 2: Methode

Siehe auch

Quellenangaben: Husserl, Edmund (1936): Die Krisis der europäischen Wissenschaften und die transzendentale Phänomenologie. Husserliana Bd. VI, Den Haag: Nijhoff 1954.