Natur
Natur (lat. natura) bezeichnet in der philosophischen Tradition das Wesen eines Seienden — das, was es zu dem macht, was es ist. Die konstitutive Natur der menschlichen Person ist ihre rationale Natur: Sie ist ihrem Wesen nach vernunftbegabt (Bexten 2017, S. 184 ff., 223 ff.).
Verschiedene Bedeutungen von “Natur”
Die Dissertation unterscheidet mehrere Bedeutungen des Wortes “Natur” (Bexten 2017, S. 223 ff.):
- Konstitutive Natur: Das Wesen eines Seienden, seine Wesensform
- Natur als Gesamtheit: Die “Natur” im Sinne der physischen Welt
- Natur als Gegensatz zu Kultur: Das Natürliche im Gegensatz zum Gemachten
Für die Personontologie ist die erste Bedeutung entscheidend.
Natur und Person
Boëthius definiert die Person als naturae rationalis individua substantia: Die Person ist eine individuelle Substanz rationaler Natur. Die Natur bestimmt, was ein Seiendes ist; die Person ist das Wer, das diese Natur besitzt. Thomas von Aquin vertieft dies: Die Person ist “das Vollkommenste in der ganzen Natur” (perfectissimum in tota natura).
Natur, Form und Akt
Die konstitutive Natur steht in engem Zusammenhang mit Form und Stoff sowie Akt und Potenz. Die rationale Seele ist die Wesensform des Menschen; sie bestimmt seine Natur als geistiges Wesen im Leib. Das Prinzip agere sequitur esse besagt: Aus der rationalen Natur folgt die Fähigkeit zu rationalem Personverhalten.
Natur und Personverhalten
Die Natur enthält die Vermögen (Potenzen), die im Personverhalten aktualisiert werden: Vernunft, Freiheit, Selbstbewusstsein, Intentionalität. Doch die Natur ist mehr als ihre aktuale Verwirklichung: Ein Embryo hat rationale Natur, auch wenn er Vernunft noch nicht aktuell ausübt.
Gegenposition
Der empirisch-funktionalistische Personbegriff kennt keine konstitutive Natur: Er bestimmt die Person allein durch aktuell vorhandene Fähigkeiten. John Locke und Peter Singer lösen die Person von einer festen Natur und machen sie zum Ergebnis kontingenter Eigenschaften.
Ontologische Einordnung: Oberbegriff: Form; Unterbegriff: Konstitutive Natur
- hatNatur: “Das Sein von Personen ist das Haben einer Natur” (Spaemann/Boëthius)
Siehe auch
- Wesensgesetz
- Leib-Seele-Einheit
- Personbegriff
- Substanzontologischer Personbegriff
- Person
- Personsein
- Menschliche Person
- Substanz
- Würde
- Agere sequitur esse
- Akt und Potenz
- Personverhalten
- Erkenntnis
- Einsicht
- Jemand
- Embryo
- Demenz
- Erste Dimension
- Seele
- Leib
- Metaphysik
- Urphänomen
- Personvergessenheit
- Empirisch-funktionalistischer Personbegriff
- Basale Relationen
- Freiheit
- Vernunft
- Selbstbewusstsein
- Intentionalität
- Befruchtung
- Biologisches Leben
- Aristoteles
- Hedwig Conrad-Martius
- Thomas von Aquin
- Boëthius
- Robert Spaemann
- John Locke
- Peter Singer
- Kapitel 4: Was ist menschliches Personsein?
- Kapitel 3: Was ist eine Person?
- Transhumanismus