Verzeihen ist ein interpersonales Geschehen, das das Personsein sowohl des Verzeihenden als auch des Empfangenden voraussetzt. Es gehört zur dritten Dimension des Personseins und dient in der Dissertation als Schlüsselphänomen, an dem die Eigenart personalen Seins aufgezeigt wird (Bexten 2017, S. 263 ff., 279 ff.).
Verzeihen als personales Phänomen
Nur Personen können verzeihen und nur Personen kann verziehen werden. Tiere und Maschinen kennen kein Verzeihen. Darin zeigt sich, dass Verzeihen ein genuines Personverhalten ist, das Vernunft, Freiheit und Selbstbewusstsein voraussetzt.
Verzeihen und die Dimensionen des Personseins
Das Verzeihen setzt alle drei Dimensionen voraus:
- Die erste Dimension: Das substantielle Personsein als Grundlage
- Die zweite Dimension: Den actus humanus — die bewusste, freie Entscheidung zu vergeben
- Die dritte Dimension: Die Selbsttranszendenz — das Überschreiten des eigenen Verletzt-Seins
Verzeihen und Bejahung
Im Verzeihen bejaht die Person den Anderen trotz dessen Schuld (Bejahung). Dies ist eine besonders anspruchsvolle Form der Liebe, weil sie die natürliche Reaktion des Zurückweisens überwindet. Verzeihen zeigt damit die Würde der Person in einzigartiger Weise.
Verzeihen und Verantwortung
Verzeihen setzt Verantwortung voraus: Nur wer für seine Taten verantwortlich ist, kann schuldig werden, und nur wem gegenüber Schuld besteht, kann verzeihen. Es offenbart die Innerlichkeit der Person — die Fähigkeit, aus dem eigenen Inneren heraus zu handeln.
Philosophische Einordnung
Karol Wojtyła betont die personalistische Norm: Die Person ist um ihrer selbst willen zu bejahen. Robert Spaemann zeigt, dass ohne Metaphysik — ohne Anerkennung des Personseins als ontologischer Wirklichkeit — Verzeihen seinen Sinn verliert. Thomas von Aquin versteht Verzeihen im Rahmen der Tugendlehre.
Ontologische Einordnung: Oberbegriff: Interpersonale Relation
Versöhnung
Versöhnung ist der Prozess der Wiederherstellung einer durch Schuld zerbrochenen interpersonalen Beziehung. Sie setzt dreierlei voraus: Reue des Schuldigen, Vergebung des Verletzten und gemeinsames Bemühen um Wiedergutmachung. Versöhnung ist damit ein zutiefst personaler Akt, der die Freiheit beider beteiligter Personen erfordert.
Als Prozess steht die Versöhnung im Dienst der Interpersonalität: Sie stellt die zerbrochene Beziehung zwischen Personen wieder her und ermöglicht erneut die Bejahung des anderen als Jemand. Die Versöhnung zeigt, dass die Dritte Dimension des Personseins — die freie Hinwendung zum anderen — auch dort noch möglich ist, wo Schuld die Beziehung scheinbar unwiderruflich zerstört hat. Sie ist damit ein Zeugnis für die Unzerstörbarkeit der personalen Würde und der Fähigkeit zur Liebe.
Ontologische Einordnung
Oberbegriff: Prozess
Ontologische Beziehungen:
- setzt voraus: Schuld, Reue, Vergebung
- stellt wieder her: Interpersonalität
Quellenangaben: Bexten 2017, S. 263–270, 279–283 (Verzeihen als personales Phänomen).
Weitere Quellen:
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Thomas von Aquin: Summa Theologiae, II-II, q. 157, a. 1–4 (Verzeihen im Rahmen der Tugendlehre)
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Wojtyła, Karol (1969): Osoba i czyn. Kraków (dt.: Person und Tat, Freiburg: Herder, 1981). (Personalistische Norm: Bejahung der Person um ihrer selbst willen)
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Spaemann, Robert (1996): Personen. Versuche über den Unterschied zwischen „etwas” und „jemand”. Stuttgart: Klett-Cotta. (Metaphysische Voraussetzung des Verzeihens)
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gehört zu: Dritte Dimension (personales Phänomen)