Intentionalität (von lat. intendere, “sich richten auf”) bezeichnet die grundlegende Eigenschaft des Bewusstseins, immer Bewusstsein von etwas zu sein: Der Geist ist wesentlich auf etwas gerichtet, offen für die Wirklichkeit (vgl. Bexten 2017, S. 259 ff.). Von der Intentionalität als Akt des Bewusstseins ist das korrelierende intentionale Sein zu unterscheiden: Manche Gegenstände existieren nur als Korrelate intentionaler Akte (etwa das literarische Kunstwerk bei Ingarden) — die intentionale Ausrichtung des Bewusstseins bringt sie als seinsheteronome Gebilde hervor. Husserl machte die Intentionalität zum Grundbegriff der Phänomenologie; Reinach und Scheler entwickelten diesen Ansatz weiter. Jeder Bewusstseinsakt — Wahrnehmen, Denken, Wollen, Fühlen — hat einen Gegenstand, auf den er sich richtet. Die Vernunft ist intentional auf die Wahrheit gerichtet; Peter Wust spricht vom “Maßnehmen des Geistes an den Dingen”: Die Erkenntnis richtet sich an den Sachen selbst aus.

Intentionalität gehört zur zweiten Dimension des Personseins. Sie ist Personverhalten, nicht Seinsgrund der Person. Der Mensch kann intentional auf die Welt gerichtet sein, weil er Person ist (agere sequitur esse), nicht umgekehrt. Innerlichkeit und Intentionalität bilden die zwei Seiten der personalen Geistigkeit: Selbstbesitz und Offenheit. Edith Stein und Conrad-Martius verbinden phänomenologische Intentionalitätsanalyse mit Realontologie.

In der Liebe und Bejahung wird Intentionalität zur Selbsttranszendenz. Die Person richtet sich nicht bloß erkennend, sondern mit ihrem ganzen Sein auf den Anderen. Wojtyła und Hengstenberg betonen diese liebende Intentionalität als höchste Verwirklichung des actus humanus.

Originäre und abgeleitete Intentionalität

Mit Blick auf die KI-Debatte ist eine Unterscheidung zentral, die John Searle (1980, 1983) im Anschluss an die scholastische Lehre vom esse intentionale geprägt hat: Originäre Intentionalität gründet intrinsisch im Vollzugsträger; abgeleitete Intentionalität ist die parasitäre Bedeutung von Karten, Texten und Computerprogrammen — sie hängt am Bewusstsein dessen, der sie verwendet. Die Person hat originäre Intentionalität, weil sie ihren Akt selbst trägt; ein Large-Language-Model hat höchstens abgeleitete Intentionalität, weil seine Outputs für uns bedeutungsvoll sind, nicht für sich selbst (Smortchkova/Murez 2024; Strachan u. a. 2024).

Die scholastische Wurzel der Intentionalitätslehre liegt in der Unterscheidung von prima intentio (Begriff über Sachen) und secunda intentio (Begriff über Begriffe). Die Form, die im Geist als esse intentionale und in der Wirklichkeit als esse naturale existiert, macht Erkenntnis als Aufnehmen-der-Form möglich.

Ontologische Einordnung: Oberbegriff: Bewusstsein; Modi: Originäre und Abgeleitete Intentionalität

Kapitelzuordnung: Kapitel 2: Methode, Kapitel 4: Was ist menschliches Personsein?

Quellenangaben: Bexten 2017, S. 28–31, 38–45, 48–49, 68–70 (Intentionalität und Phänomenologie).

Weitere Quellen:

  • Searle, John R. (1980): „Minds, Brains, and Programs”. Behavioral and Brain Sciences 3(3), S. 417–457.

Intentionalität ist auch der entscheidende Einwand gegen den Turing-Test: John Searles Chinese-Room-Argument (1980) zeigt, dass Syntax (formale Symbolmanipulation) nicht für Semantik (Bedeutung) genügt. Echte Intentionalität — das Empfangen der Form des Erkannten ohne dessen Materie (Thomas von Aquin) — ist grundsätzlich anders als die statistische Musterverarbeitung einer KI.

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