5.4 Wenn eine falsche Theorie den Menschen verkennt
Das Vergessen dessen, wer der Mensch ist, muss nicht immer in Handlungen sichtbar werden. Es kann auch eine andere, subtilere Form annehmen: die Form einer falschen Theorie über den Menschen.
Was ist damit gemeint? Es gibt Philosophien, Weltanschauungen und Ideologien, die den Menschen grundlegend falsch verstehen. Nicht in diesem oder jenem Detail, sondern in dem, was ihn wesentlich ausmacht. Sie verkennen, verkürzen oder bestreiten sein Personsein — und sie tun dies auf eine Weise, die theoretisch durchdacht und in sich stimmig erscheint.
Solche Theorien können sehr verschieden aussehen, aber sie haben eines gemeinsam: Sie werden dem, was der Mensch wirklich ist, nicht gerecht. Sie erfassen nicht das eigentliche Sein der Person — das, was sie in ihrer Grundwirklichkeit ausmacht. Die Person wird verkürzt, umgedeutet oder schlicht geleugnet.
Betrachten wir einige dieser Denkwege genauer.
Der Naturalismus
Der Naturalismus behauptet, dass alles, was existiert, Natur ist — und dass die Naturwissenschaft die einzige zuverlässige Erkenntnisquelle darstellt. In dieser Sichtweise gibt es keinen Raum für das, was über die messbare, materielle Welt hinausgeht. Der Mensch wird zu einem natürlichen Objekt unter natürlichen Objekten. Sein Personsein — sein geistiges Selbst, sein freier Wille, seine Würde — erscheint als Illusion, als schöne Selbsttäuschung, die die Wissenschaft irgendwann entlarven wird. Dass der Mensch ganz und gar ein natürliches Wesen ist, muss dabei gar nicht bestritten werden — im Gegenteil. Das wird erst dann gefährlich — wie der Philosoph Hans Jonas gewarnt hat1 —, wenn daraus geschlossen wird, dass der Mensch nichts als Natur ist und es keinen Raum gibt für das, was über die bloße Natur hinausweist.
Der empirisch-funktionalistische Personbegriff
Der empirisch-funktionalistische Personbegriff macht das Personsein von der Ausübung bestimmter Fähigkeiten abhängig: Bewusstsein, Selbstbewusstsein, rationales Denken, Kommunikation. Wer diese Fähigkeiten nicht (mehr) ausüben kann — der schwer Demente, der Komatöse, das ungeborene Kind —, ist in dieser Sichtweise keine Person oder zumindest keine „volle“ Person. Wir haben in einem früheren Kapitel bereits gesehen, warum das falsch ist: weil Personsein nicht im Tun besteht, sondern im Sein. Zuerst muss jemand da sein — dann erst kann er handeln. Wer das Sein von den Fähigkeiten abhängig macht, verwechselt Ursache und Wirkung.
Die dialektische Personauffassung
Die dialektische Personauffassung — wie sie etwa in der Tradition Hegels erscheint und die Robert Spaemann als „Dynamisierung des Personbegriffs“ beschrieben hat2 — versteht den Menschen nicht als beständiges Wesen, sondern als Prozess. Personsein ist demnach kein Zustand, sondern ein Werden: Man ist nicht Person, man wird es — in einem fortlaufenden Prozess der Selbstaneignung. In dieser Sichtweise gibt es kein unveränderliches Wesen des Menschen, keine bleibende Identität, keinen festen Kern. Der Mensch ist, was er aus sich macht. Man kann dies als einen Wesenswandel des Menschen beschreiben: Der Mensch hat kein festes Sein, sondern befindet sich in einem ständigen dialektischen Wandel.
Was ist an dieser Auffassung problematisch? Wenn es kein bleibendes Sein gibt, das dem Werden zugrunde liegt, dann gibt es auch nichts, das sich wandeln könnte. Wandel setzt etwas voraus, das sich wandelt — ein Zugrundeliegendes, das durch den Wandel hindurch dasselbe bleibt. Ohne ein solches bleibendes Sein gäbe es keinen Wandel, sondern nur ein Nacheinander beziehungsloser Zustände. Auf den Menschen angewandt bedeutet das: Ohne ein beständiges Selbst gibt es keine Person, kein Ich, keine Identität. Und damit gibt es auch keine Verantwortung, kein Versprechen, das gehalten werden kann, keine Liebe, die über den Augenblick hinausgeht. Die Unwandelbarkeit des Wesens der Person ist gerade die Voraussetzung dafür, dass die Person sich entfalten, entwickeln und wandeln kann. Denn wenn es nichts gibt, das sich wandelt, dann wandelt sich auch nichts.
Die Abschaffung des Personbegriffs
Und schließlich gibt es auch den Versuch, den Begriff der Person ganz abzuschaffen. Manche Denker sind der Meinung, dass man auf den Personbegriff in der Ethik verzichten könnte — dass es genüge, von menschlichen Wesen oder Lebewesen zu sprechen, ohne ihnen das Personsein zuzuschreiben. Aber gerade dieser Verzicht ist selbst eine Form des Vergessens. Denn wer den Personbegriff aufgibt, gibt damit auch den Anspruch auf, den Menschen als Jemand zu verstehen — als ein Wesen mit eigener Würde, eigenem Wert, eigener Unverfügbarkeit. Was bleibt, ist der Mensch als Exemplar einer biologischen Art — und damit als Etwas, nicht als Jemand.
All diese Theorien — so verschieden sie sind — haben eine gemeinsame Wirkung: Sie verdinglichen den Menschen. Sie machen aus einem Jemand ein Etwas. Und genau darin liegt ihre Gefahr. Denn eine Theorie, die den Menschen falsch versteht, bleibt selten eine bloße Theorie. Sie prägt das Denken, und das Denken prägt das Handeln.
Wenn eine Gesellschaft den Menschen nur noch als biologischen Organismus versteht, wird sie früher oder später auch so mit ihm umgehen. Wenn eine Philosophie lehrt, dass Personsein von Fähigkeiten abhängt, wird irgendwann jemand daraus den Schluss ziehen, dass Menschen ohne diese Fähigkeiten keine Rechte haben. Wenn eine Weltanschauung den Menschen als bloßes Werden ohne bleibendes Sein begreift, dann verliert die Rede von Menschenwürde ihren Grund.
Die Verbindung zwischen falscher Theorie und schlechter Praxis ist keine bloße Möglichkeit — sie ist eine geschichtliche Erfahrung. Die großen Katastrophen des 20. Jahrhunderts — Totalitarismus, Massenmord, systematische Entrechtung ganzer Menschengruppen — hatten immer auch eine theoretische Grundlage: eine Weltanschauung, die den Menschen falsch verstand und daraus das Recht ableitete, über ihn zu verfügen.
Aber auch unterhalb dieser Extreme wirkt die Verbindung. Wo eine Gesellschaft geistig davon überzeugt ist, dass der Mensch nur ein höheres Tier ist, dort wird sie auch den Umgang mit dem Menschen entsprechend gestalten. Wo eine Kultur das Personsein von der Leistungsfähigkeit abhängig macht, dort werden die Leistungsschwachen an den Rand gedrängt. Und wo eine Philosophie den Begriff der Person aufgibt, dort verliert die Ethik ihren festen Boden.
Theoretische Verkennung des Menschen und praktische Verletzung seiner Würde sind also keine getrennten Phänomene. Sie gehören zusammen. Wer den Menschen im Denken verdinglicht, wird ihn früher oder später auch im Handeln verdinglichen. Und wer ihn im Handeln verdinglichen will, wird sich eine Theorie suchen, die ihm das erlaubt. Das Vergessen dessen, wer der Mensch ist, kann daher auch als ein Irrtum im Denken beschrieben werden, der früher oder später zu Fehlern im Handeln führt — und umgekehrt.
Dieses Zusammenspiel von Theorie und Praxis macht das Vergessen dessen, wer der Mensch ist, so gefährlich. Es ist nicht nur ein intellektueller Irrtum — es ist ein Irrtum mit Folgen. Ein Irrtum, der Menschenleben kostet.
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