Der irreversible Ausfall aller Hirnfunktionen — umgangssprachlich “Hirntod” genannt — ist nicht mit dem sicheren Tod gleichzusetzen. Die betroffene Person lebt, sofern sie durch maschinelle Lebenserhaltung (insbesondere eine Herz-Lungen-Maschine) am Leben erhalten wird. Das Personsein und die ontologische Würde bleiben vollständig erhalten.
Der entscheidende Punkt ist die Unterscheidung von Prote Energeia und Deutera Energeia: Betroffen ist ausschließlich die Deutera Energeia — die aktuale Ausübung geistiger Fähigkeiten wie Erkenntnis, Selbstbewusstsein und Wille. Die Prote Energeia — die erste Wirklichkeit des Personseins, das grundlegende geistige Dasein — bleibt unberührt, solange die Person lebt.
Das Prinzip agere sequitur esse besagt: Das Handeln folgt dem Sein, nicht umgekehrt. Wer das Personsein an die Ausübung von Hirnfunktionen knüpft, vertritt einen empirisch-funktionalistischen Personbegriff und verwechselt Personsein mit Personverhalten — eine Form der Personvergessenheit.
Die Parallele zur schweren Demenz ist aufschlussreich: In beiden Fällen ist die Deutera Energeia beeinträchtigt, in beiden Fällen bleibt die Person Person. Spaemann formuliert: “Jemand, der eine Person war, hat nicht aufgehört, eine Person zu sein.”
Ontologische Einordnung
Oberbegriffe: Zustand, Prozess
Ontologische Beziehungen:
- betrifft: Deutera Energeia (Funktionsausübung), nicht Prote Energeia (Personsein)
- setzt voraus zur Lebenserhaltung: Maschinelle Lebenserhaltung
- altLabel: “sog. Hirntod”
Kapitelzuordnung: Kapitel 4: Was ist menschliches Personsein?
Siehe auch
- Tod
- Maschinelle Lebenserhaltung
- Herz-Lungen-Maschine
- Palliative Pflege
- Demenz
- Personsein
- Würde
- Leib-Seele-Einheit
- Erste Dimension
- Robert Spaemann
- Josef Seifert
Quellenangaben: Bexten 2017, S. 195 ff., 293 ff. (Personsein und Hirntod).