Joseph Aloisius Ratzinger — Benedikt XVI. — war einer der bedeutendsten Theologen und kirchlichen Denker des 20. und frühen 21. Jahrhunderts. Als Professor in Bonn, Münster, Tübingen und Regensburg, später als Erzbischof von München-Freising, Präfekt der Glaubenskongregation (1981—2005) und schließlich Papst (2005—2013) hat er eine umfangreiche theologische und philosophische Werkreihe vorgelegt, die in zentralen Punkten die Personalistische Norm und die substanzontologische Anthropologie unterstützt, die in diesem Buch entfaltet wird.
Schlüsselbeitrag zur Personalontologie
Benedikts Beitrag liegt nicht in einer eigenen Personentheorie im akademisch-philosophischen Sinn, sondern in der lehramtlichen und pastoralen Konkretisierung der personalontologischen Tradition. Drei Linien sind für das Buch besonders relevant:
1. Das Vorsichtsprinzip in der Todesfeststellung
In der Ansprache vor dem Internationalen Kongress für Organspende (Rom, 7. November 2008, gefördert von der Pontifical Academy for Life) formuliert Benedikt das Vorsichtsprinzip:
„Wo Gewissheit nicht erreicht ist, muss das Prinzip der Vorsicht vorherrschen.”
Diese Formulierung wird in der vorliegenden Ontologie als normatives Prinzip verankert. Sie wirkt überall dort, wo die Todesdefinition ontologische Spannungen aufweist: beim irreversiblen Hirnfunktionsausfall, bei der Organspende nach Kreislaufstillstand (DCD), bei der Normothermen Regionalen Perfusion und — in einer analogen Logik — bei der Trauerbegleitung.
Die historische Wurzel dieses Prinzips reicht zurück auf Pius XII. (Ansprache an Anaesthesisten 1957), der die Definition des Todeszeitpunkts der Medizin überließ — aber innerhalb der Grenzen der natürlichen Sittlichkeit. Benedikt schärft diese Linie unter den Bedingungen der modernen Transplantationsmedizin.
2. Die Personalontologie der Trinität als Personenursprung
In Einführung in das Christentum (1968) und in der Christologie von Jesus von Nazareth (2007—2012) entwickelt Benedikt eine relational-substanzontologische Personauffassung: Person ist nicht das einsame Selbst, sondern das auf Beziehung hin verfasste Wesen. Der trinitarische Personbegriff (jede der drei göttlichen Personen ist Person als Beziehung) wird zum Modell für eine Anthropologie, in der Personsein und Interpersonalität zusammengedacht werden.
Diese Position liegt in der Linie von Karol Wojtyła und Robert Spaemann und stützt den substanzontologisch-relationalen Personbegriff, den das Buch vertritt.
3. Die Verteidigung der Vernunft
In der Regensburger Vorlesung (12. September 2006) verteidigt Benedikt die Vernunftnatur des Menschen gegen ihre Reduktion auf instrumentelle Rationalität. Diese Vernunftnatur ist nach der Tradition von Aristoteles und Thomas von Aquin das, was den Menschen als Mensch konstituiert — und damit eine zentrale Grundlage des substanzontologischen Personbegriffs. Wer die Vernunft auf das empirisch Messbare verkürzt, verliert das, was Personsein ausmacht: die Selbsttranszendenz auf Wahrheit hin.
Anwendung in der Ontologie
Benedikts Vorsichtsprinzip ist in der Ontologie als Norm-Klasse modelliert (ps:Vorsichtsprinzip). Es wirkt klassenebenenseitig auf die DCD-Praxis, NRP, IHA und das Kübler-Ross-Modell: Wo wissenschaftliche Sicherheit fehlt, gilt die schärfere Bedingung. In dieser Auslegung führt das Vorsichtsprinzip zur Ablehnung der Permanenz-basierten Todesfeststellung, weil Permanenz substanzontologisch nicht hinreichend für den sicheren Tod ist.
Bedeutung für das Buch
Das Buch nimmt Benedikt nicht primär als Theologen auf, sondern als jene Denkerstimme, die die personalontologische Tradition der realistischen Phänomenologie (Stein, Hildebrand, Seifert) und des thomistischen Personalismus (Wojtyła, Spaemann) im Bereich der zeitgenössischen Bioethik praktisch konkretisiert hat. Sein Vorsichtsprinzip ist die normative Konsequenz der Position, dass die Würde der Person dem Personsein entspringt und nicht erlischt, solange sie als Person existiert.
Quellenangaben
Primärquellen
- Benedikt XVI. (2008): Ansprache an die Teilnehmer des Internationalen Kongresses „A Gift for Life. Considerations on Organ Donation” (gefördert von der Pontifical Academy for Life), Rom, 7. November 2008. https://www.vatican.va/content/benedict-xvi/en/speeches/2008/november/documents/hf_ben-xvi_spe_20081107_acdlife.html
- Benedikt XVI. (2006): Glaube, Vernunft und Universität. Erinnerungen und Reflexionen — Vorlesung an der Universität Regensburg, 12. September 2006. https://www.vatican.va/content/benedict-xvi/de/speeches/2006/september/documents/hf_ben-xvi_spe_20060912_university-regensburg.html
- Ratzinger, Joseph (1968): Einführung in das Christentum. München: Kösel Verlag (zahlreiche Auflagen).
- Ratzinger, Joseph / Benedikt XVI. (2007—2012): Jesus von Nazareth. Drei Bände, Freiburg: Herder.
- Ratzinger, Joseph (1973): Zum Personverständnis in der Theologie. In: Dogma und Verkündigung, München: Erich Wewel Verlag. — Trinitarisches und anthropologisches Personverständnis.
Lehramtliche Schriften (Auswahl)
- Benedikt XVI. (2005): Deus caritas est — Enzyklika.
- Benedikt XVI. (2007): Spe salvi — Enzyklika.
- Benedikt XVI. (2009): Caritas in veritate — Enzyklika.
- Kongregation für die Glaubenslehre (2008): Dignitas Personae — Instruktion zu Bioethik-Fragen, unter Präfektur (zuvor Präfekt) Ratzingers vorbereitet.
Sekundärliteratur zur Personalontologie
- Rowland, Tracey (2008): Ratzinger’s Faith: The Theology of Pope Benedict XVI. Oxford: Oxford University Press.
- Twomey, D. Vincent (2007): Pope Benedict XVI: The Conscience of Our Age (A Theological Portrait). San Francisco: Ignatius Press.