Dietrich von Hildebrand — Schüler Husserls und Reinachs, Weggenosse Schelers — ist einer der bedeutendsten Vertreter der realistischen Phänomenologie. Seine Philosophie der Werte, der Ehrfurcht und der Liebe prägt das Verständnis der Dritten Dimension des Personseins im Buch maßgeblich.

Schlüsselbeitrag

Hildebrand entwickelt die Lehre von den Wertantworten: Die Person ist nicht nur ein erkennendes Wesen, sondern ein Wesen, das auf Werte antwortet. Wenn ich das Schöne sehe, antworte ich mit Bewunderung; wenn ich das Gute erkenne, antworte ich mit Bejahung; wenn ich einer Person begegne, antworte ich mit Ehrfurcht und Liebe. Diese Wertantworten sind keine bloßen Gefühle, sondern geistige Akte, die den Wert des Anderen anerkennen und ihm gerecht werden (vgl. Bexten 2017, S. 242 ff.).

Zentrale Ideen im Buch

Ehrfurcht als Mutter aller Tugenden

Hildebrand nennt die Ehrfurcht die “Mutter aller Tugenden”: Sie ist die Grundhaltung, die den Anderen als etwas erkennt, das über mich hinausgeht und das ich nicht verfügen darf. Ehrfurcht ist die Voraussetzung dafür, die Person als Jemand wahrzunehmen — nicht als Gegenstand, den ich benutze, sondern als ein Wesen mit eigenem Wert und eigener Würde. Ohne Ehrfurcht droht die Instrumentalisierung der Person.

Personale Liebe als Urphänomen

Für Hildebrand ist die Liebe ein Urphänomen — sie lässt sich nicht auf etwas anderes zurückführen. In der Liebe antwortet die Person auf den einmaligen Wert einer anderen Person. Die bräutliche Liebe zwischen Mann und Frau ist für Hildebrand die höchste Gestalt dieser Wertantwort: eine totale Selbsthingabe, die Exklusivität, Dauer und Offenheit für neues Leben einschließt.

Wertblindheit und Personvergessenheit

Hildebrand analysiert die Wertblindheit als eine Haltung, in der die Person unfähig wird, Werte zu erfassen und angemessen auf sie zu antworten. Diese Wertblindheit steht in engem Zusammenhang mit der Personvergessenheit: Wer den Wert der Person nicht mehr sieht, behandelt sie als Sache. Die Konkupiszenz — das begehrende Betrachten des Anderen als Objekt — ist für Hildebrand das Gegenteil der Ehrfurcht und die Zerstörung der personalen Begegnung.

Stellung im Buch

Hildebrand wird vor allem in Kapitel 4: Personsein herangezogen, insbesondere bei der Entfaltung der Dritten Dimension — der sittlichen Vervollkommnung der Person durch Tugend, Liebe und Selbsttranszendenz. Seine Wertlehre ergänzt die thomistische Ontologie (Thomas von Aquin) um die phänomenologische Dimension: nicht nur dass die Person Würde hat, sondern wie wir dieser Würde begegnen sollen.

Tradition: Realistische Phänomenologie

Quellenangaben: Bexten 2017, S. 242 ff. (Hildebrands Lehre von den Wertantworten, Ehrfurcht und personaler Liebe in der Dritten Dimension des Personseins).

Weitere Quellen:

  • Ethik (1973). Gesammelte Werke, Bd. II. Regensburg: Habbel / Stuttgart: Kohlhammer (deutsche Fassung der zuerst 1953 als Christian Ethics bei David McKay, New York, erschienenen Schrift; materiale Wertethik, Wertantwort und sittliche Grundhaltungen)
  • Das Wesen der Liebe (1971). Regensburg: Josef Habbel (Personale Liebe als irreduzibles Urphänomen)
  • Sittlichkeit und ethische Werterkenntnis (1922). In: Jahrbuch für Philosophie und phänomenologische Forschung Bd. V (Hrsg. E. Husserl), S. 462–602, Halle a. d. S.: Niemeyer (Habilitationsschrift; Ehrfurcht und Wertblindheit als Grundkategorien der Ethik; eigenständige Buchausgabe erst Darmstadt: WBG 1969)

Siehe auch