Günther Pöltner ist Philosoph an der Universität Wien und einer der beiden Doktorväter von Raphael Bexten (neben Robert Spaemann hat er das Denken der Dissertation besonders geprägt — vgl. Bexten 2017, Vorwort). Sein Werk verbindet die Phänomenologie (Husserl, Heidegger) mit der thomistischen Substanzontologie und macht diese Synthese für die gegenwärtige Medizinethik fruchtbar.
Schlüsselbeitrag
Pöltners zentrale Einsicht lautet: Vor jeder ethischen Frage nach dem Embryonenschutz steht eine ontologische Frage. Wer ethisch über den Embryo urteilen will, muss zuvor geklärt haben, was ein Mensch und was eine Person ist — und diese Klärung ist nicht die Aufgabe der empirischen Wissenschaften, sondern einer metaphysischen Reflexion, die auf die Sachen selbst zurückgeht. Damit steht Pöltner in der Tradition von Thomismus und realistischer Phänomenologie.
Zentrale Ideen im Buch
Ontologische Voraussetzungen des Embryonenschutzes
Pöltners Aufsatz Ontologische Voraussetzungen der Debatte über den Embryonenschutz (2005) zeigt: Die scheinbar rein ethische Debatte über den Schutz des menschlichen Embryos trägt eine stillschweigende Ontologie in sich. Wer behauptet, der Embryo sei noch keine Person, setzt einen Begriff von Personsein voraus, der auf aktuale Fähigkeiten, Selbstbewusstsein oder soziale Relationen abhebt — und damit implizit den empirisch-funktionalistischen Personbegriff (vgl. Locke, Singer, Parfit). Wer dagegen den substanzontologischen Personbegriff vertritt, kommt zu einem anderen Ergebnis. Die Debatte ist also nicht nur ethisch, sondern zuerst ontologisch zu führen.
Aktive Potentialität statt “werdende Person”
Pöltner knüpft an Aristoteles’ Unterscheidung von Potenz und Akt an, um das Potentialitätsargument richtig zu verstehen: Die Potentialität des Embryos ist keine bloße Möglichkeit, später Person zu werden, sondern aktive Potenz einer bereits vorhandenen rationalen Natur. Der Embryo ist — im Einklang mit Spaemanns Formel “Es gibt keine potentiellen Personen” — eine Person im Werden, nicht eine werdende Person. Die rationale Natur (prote energeia, erste Wirklichkeit) ist von Anfang an da; was noch aussteht, ist ihre Entfaltung (deutera energeia), nicht ihr Erwerb.
Kritik der konsequenzialistischen Lebensschutzbegründung
In Die konsequenzialistische Begründung des Lebensschutzes (1993) analysiert Pöltner eine der populärsten Argumentationsstrategien der angewandten Ethik: die Begründung des Lebensschutzes aus seinen Folgen (Dammbruch-Argument, Rechtssicherheit, soziales Vertrauen). Pöltner zeigt: Solche Argumente sind nicht falsch, aber ungenügend. Sie begründen nicht die Würde der Person als solche, sondern nur einen Schutz um bestimmter Folgen willen. Wenn aber die Folgenabwägung einmal anders ausfällt, verliert der Schutz seinen Grund. Nur ein ontologischer Würdebegriff trägt den Lebensschutz unbedingt.
Menschennatur und Speziesismus
In Menschennatur und Speziesismus (2015) zerlegt Pöltner den Speziesismus-Einwand Peter Singers: Singer hält den Einwand für durchschlagend, weil er unterstellt, Vertreter des substanzontologischen Personbegriffs würden allein wegen der biologischen Zugehörigkeit zur Spezies Homo sapiens ein höheres moralisches Gewicht zusprechen — was ein naturalistischer Fehlschluss wäre. Pöltner zeigt: Der substanzontologische Personbegriff bindet das Personsein nicht an die biologische Zugehörigkeit, sondern an die rationale Natur, die leiblich verfasst ist. Der Speziesismus-Vorwurf verfehlt damit sein Ziel. Wer die These zurückweist, dass jeder Mensch von Anfang an Person ist, trifft nicht eine biologistische, sondern eine ontologische Position.
Phänomenologie und Thomismus
Pöltner gehört zu den wenigen Philosophen des deutschsprachigen Raums, die das Gespräch zwischen Phänomenologie und Thomas von Aquin systematisch weitergeführt haben. Seine Studie Heideggers Umgang mit Thomas von Aquin (2011 in Heidegger Studies) zeigt, dass Heideggers Auseinandersetzung mit Thomas für die Seinsfrage tiefer reicht, als Heidegger selbst zugestanden hat. Für die Personfrage ergibt sich daraus: Das Personsein als Sein einer bestimmten Weise (Boëthius: rationalis naturae individua substantia) ist ohne eine ernst genommene Seinsfrage nicht zu verstehen. Pöltner baut so eine Brücke, die auch Bextens Dissertation trägt: die Verbindung von phänomenologischer Methode und substanzontologischer Personmetaphysik.
Stellung im Buch
Pöltner wird im Vorwort der Dissertation namentlich genannt: Als zweiter Doktorvater (neben Thomas--Forscher Spaemann-Schüler Walter Schweidler) hat er Bexten “auf wichtige Arbeiten zum Thema aufmerksam gemacht” (Bexten 2017, Vorwort). In der Sache steht Pöltner in der Linie Boëthius — Thomas — Husserl — Heidegger — Spaemann — Seifert und vertritt einen substanzontologisch-relationalen Personbegriff. Sein bioethisches Werk Grundkurs Medizin-Ethik (2002) ist ein Standardwerk der deutschsprachigen Medizinethik.
Quellenangaben: Bexten 2017, Vorwort (Pöltner als Doktorvater); Literaturverzeichnis (Pöltner 1993a, 1993b, 2005, 2015).
Weitere Quellen:
- Grundkurs Medizin-Ethik (2002, 2. Aufl. 2006). Facultas/WUV, Wien (Standardwerk zur anthropologischen und ethischen Grundlegung ärztlichen Handelns)
- Ontologische Voraussetzungen der Debatte über den Embryonenschutz (2005), in: Nowotny / Staudigl (Hg.), Perspektiven des Lebensbegriffs. Randgänge der Phänomenologie (Europaea memoria I/34), Georg Olms, Hildesheim
- Menschennatur und Speziesismus (2015), in: Rothhaar / Hähnel (Hg.), Normativität des Lebens — Normativität der Vernunft?, De Gruyter, S. 251–270
- Die konsequenzialistische Begründung des Lebensschutzes (1993), in: Zeitschrift für Philosophische Forschung 47.2, S. 184–203
- Evolutionäre Vernunft. Eine Auseinandersetzung mit der evolutionären Erkenntnistheorie (1993), Kohlhammer
- Philosophische Ästhetik (2008), Kohlhammer
- Heideggers Umgang mit Thomas von Aquin (2011), in: Heidegger Studies 27, S. 177–195
- Wer ist Mensch? (2018), in: Rothhaar / Hähnel / Kipke (Hg.), Der manipulierbare Embryo. Potentialitäts- und Speziesargumente auf dem Prüfstand, mentis, S. 203–215
Siehe auch
- Substanzontologisch-relationaler Personbegriff
- Substanzontologischer Personbegriff
- Empirisch-funktionalistischer Personbegriff
- Akt und Potenz
- Natur
- Natur als Grund
- Embryo
- Bioethik
- Würde
- Ontologische Würde
- Phänomenologie
- Phänomenologische Methode
- Substanzontologie
- Thomismus-Phänomenologie-Synthese
- Person
- Personsein
- Personbegriff
- Personvergessenheit
- Menschliche Person
- Leben
- Lebensrecht
- Thomas von Aquin
- Boethius
- Edmund Husserl
- Martin Heidegger
- Robert Spaemann
- Josef Seifert
- Peter Singer
- John Locke
- Derek Parfit
- Raphael Bexten
- Kapitel 1: Einleitung
- Kapitel 3: Personbegriff
- Kapitel 4: Personsein
- Kapitel 5: Personvergessenheit