Realontologie ist der Name, den Hedwig Conrad-Martius ihrem philosophischen Grundprojekt gab: eine Ontologie, die nicht bei den Formen unseres Denkens stehenbleibt, sondern die Seinsstrukturen der Wirklichkeit selbst untersucht. Die Frage lautet nicht: Wie denken wir über das Sein?, sondern: Was ist das Sein, und wie ist es in sich selbst verfasst? Die phänomenologische Methode dient dabei als Zugang — nicht als Einschränkung auf das Bewusstsein, sondern als Weg zu den Sachen selbst.
Conrad-Martius entwickelte ihre Realontologie in Auseinandersetzung sowohl mit dem Idealismus als auch mit dem Positivismus. Gegen den Idealismus besteht sie darauf, dass die Wirklichkeit nicht vom Bewusstsein hervorgebracht wird, sondern ihm vorausliegt und es trägt. Gegen den Positivismus zeigt sie, dass die Wirklichkeit tiefer reicht als das empirisch Messbare: Es gibt Substanz, Wesen, Sein — Dimensionen der Wirklichkeit, die sich nur der geistigen Einsicht erschließen, nicht dem Experiment. Ihre Untersuchungen zum Raum, zur Zeit, zur Materie und zum Leben sind Versuche, diese tieferen Schichten der Wirklichkeit phänomenologisch freizulegen.
Für die Frage nach dem Personsein ist die Realontologie deshalb bedeutsam, weil sie den Rahmen bereitstellt, in dem das Sein der Person verstanden werden kann: als reales Sein, nicht als bloße Zuschreibung, nicht als Konstrukt, nicht als Funktion. Die Person ist wirklich — und die Realontologie fragt, was dieses Wirklichsein bedeutet. Conrad-Martius’ Begriff des “Sich-selber-Könnens” der geistigen Substanz zeigt, dass das substantielle Sein der Person kein starres Vorhandensein ist, sondern die lebendigste Form des Wirklichseins. Die Realontologie steht damit in enger Verwandtschaft zur Münchener-Göttinger Schule der realistischen Phänomenologie, deren methodische Grundhaltung sie teilt und ontologisch vertieft.
Quellenangaben:
- Conrad-Martius, Hedwig (1923): „Realontologie”. Jahrbuch für Philosophie und phänomenologische Forschung 6, S. 159—333.
- Seifert, Josef (1996): Sein und Wesen. Heidelberg: Winter (Philosophie und Realistische Phänomenologie, Bd. 3).
- Seifert, Josef (1976): Leib und Seele. Ein Beitrag zur philosophischen Anthropologie. Salzburg: Universitätsverlag.