Originäre Intentionalität ist das ursprüngliche, intrinsisch im Vollzugsträger gegründete Gerichtetsein des Bewusstseins auf einen Gegenstand. Sie ist nicht von einem anderen Bewusstsein verliehen, sondern entspringt dem Vollzug einer geistigen Substanz selbst. John Searle hat in Intentionality (1983) diese Bestimmung gegen die abgeleitete Intentionalität von Texten, Karten und Computerprogrammen gestellt: Nur ein Lebewesen mit phänomenalem Bewusstsein hat originäre Intentionalität — die Bedeutung einer Landkarte hingegen ist parasitär, sie hängt am Bewusstsein des Lesers.

Substanzontologisch ist die originäre Intentionalität das Vermögen einer geistigen Substanz, das im Vollzug des Erkennens des Wahren aktualisiert wird. Thomas von Aquin beschreibt sie als Aufnahme der Form des Gegenstandes durch die species intelligibilis: Die Form, die im Pferd natürlich existiert, existiert intentional im Geist des Erkennenden. Diese Aufnahme der Form ohne deren Materie ist das Wesen der originären Intentionalität — sie ist nicht kausal-mechanisch, sondern formal-aufnehmend.

Phänomenologisch erscheint sie als die Aktstruktur eines Ich-Pols, der seinen Akt als eigenen vollzieht. Husserl und Edith Stein haben dies als Korrelation von Noesis (Aktstruktur) und Noema (intentionalem Gehalt) entfaltet. Die Person ist gerade dadurch Person, dass sie ihren intentionalen Akt selbst trägt und nicht bloß ausführt.

Originäre Intentionalität ist die notwendige Bedingung für Wahrheitsfähigkeit, Verantwortlichkeit und Personsein. Wer einen wahrheitsfähigen Akt vollzieht — ein Urteil fällt, eine Behauptung als die seine übernimmt — muss selbst auf das Wahre gerichtet sein. Genau das fehlt einem syntaktischen Motor, der Wörter aneinanderreiht, ohne sie zu meinen.

Die Unterscheidung zu abgeleiteter Intentionalität ist nicht graduell, sondern kategorial. Daniel Dennetts Symmetriethese — beide seien gleich derivativ — wird hier zurückgewiesen: Sie verwechselt Erklärungsgenese (evolutionär oder programmatisch) mit ontologischem Status. Agere sequitur esse — das Wirken folgt dem Sein, nicht umgekehrt.

Ontologische Einordnung: Oberbegriff: Intentionalität; disjunkt zu Abgeleitete Intentionalität.

Quellenangaben: Bexten 2017, S. 28–31, 38–45 (Intentionalität und Phänomenologie).

Weitere Quellen:

  • Searle, John R. (1983): Intentionality: An Essay in the Philosophy of Mind. Cambridge: Cambridge University Press.
  • Searle, John R. (1980): „Minds, Brains, and Programs”. Behavioral and Brain Sciences 3(3), S. 417–457.
  • Stein, Edith (1950): Endliches und ewiges Sein. Louvain/Freiburg: Nauwelaerts/Herder.
  • Thomas von Aquin: Summa theologiae I, qq. 79, 84–85.

Siehe auch


Generiert via Abfrage aus der Personseins-Ontologie.