Der Ausschluss-Einwand

Der Ausschluss-Einwand ist der schwerwiegendste Vorwurf gegen den empirisch-funktionalistischen Personbegriff. Er lautet: Wer das Personsein an aktuelle Fähigkeiten wie Selbstbewusstsein, Vernunftgebrauch, Sprache oder Zukunftsinteressen bindet, schließt systematisch ganze Gruppen von Menschen aus dem Personenkreis aus.

Betroffen sind der Embryo und der Fötus, der Säugling und das Kleinkind, der Schlafende und der Bewusstlose, der schwer geistig Behinderte und der an fortgeschrittener Demenz Erkrankte, der im irreversiblen Koma Liegende. Für alle diese Menschen gilt, dass sie die geforderten Fähigkeiten entweder noch nicht, nicht gerade, nicht mehr oder gar nicht ausüben können. Nach dem empirisch-funktionalistischen Kriterium sind sie daher keine Personen — mit allen Folgen für ihren moralischen und rechtlichen Status.

Das ist kein rhetorischer Einwand, sondern das konsequente Ergebnis der Position. John Locke hatte das self an die Erinnerungsfähigkeit geknüpft. Derek Parfit zog daraus die Folgerung, dass psychologische Kontinuität die personale Identität konstituiert. Peter Singer hat die Konsequenz schließlich ausgesprochen: Säuglinge sind nach seiner Position keine Personen, weil sie noch keine Präferenzen bezüglich ihres eigenen Fortbestehens haben.

Der Ausschluss-Einwand zeigt, dass der empirisch-funktionalistische Personbegriff an einem tieferliegenden Fehler leidet: Er verwechselt das Sein der Person mit ihrem Verhalten. Nach dem Grundsatz agere sequitur esse ist das Handeln Folge des Seins, nicht dessen Maß. Wer nicht aktuell denkt, ist deshalb nicht kein denkendes Wesen — er ist ein denkendes Wesen, das gerade nicht denkt. Die Fähigkeit bleibt auch dann bestehen, wenn sie aktuell nicht ausgeübt wird.

Der substanzontologische Personbegriff umgeht diesen Einwand, weil er Person nicht durch aktuelle Akte, sondern durch die Natur des Trägers bestimmt. Jedes Wesen mit rationaler Natur ist Person, unabhängig davon, ob es diese Natur gerade entfaltet.

Kapitelzuordnung: Kapitel 3: Was ist eine Person?

Quellenangaben: Bexten 2017, S. 103–116 (Kritik des empirisch-funktionalistischen Personbegriffs).

Weitere Quellen:

  • Spaemann, Robert (1996): Personen. Versuche über den Unterschied zwischen „etwas” und „jemand”. Klett-Cotta, Kapitel 13 (Keine potentiellen Personen).
  • Seifert, Josef (1997): What is life? The Originality, Irreducibility, and Value of Life. Rodopi.
  • Singer, Peter (1994): Praktische Ethik. Reclam.

Ontologische Einordnung: Oberbegriff: Einwand; richtet sich gegen: Empirisch-funktionalistischer Personbegriff

Siehe auch: Empirisch-funktionalistischer Personbegriff, Substanzontologischer Personbegriff, Agere sequitur esse, Embryo, Demenz, Einwand der diachronen Identität, Performativer Widerspruch, John Locke, Derek Parfit, Peter Singer, Robert Spaemann, Kapitel 3: Personbegriff