Der menschliche Embryo ist eine Person von Anfang an — von der Verschmelzung der Keimzellen an. Er ist nicht eine mögliche Person, nicht eine werdende Person, nicht eine “potentielle Person”. Er ist eine wirkliche, vollständige Person, die sich entfalten wird. Er hat alles, was es braucht, um Person zu sein, denn Personsein hängt nicht an der Entfaltung von Fähigkeiten, sondern am Sein selbst (vgl. Bexten 2017, S. 155—175, 183—202).

Die Unterscheidung von Akt und Potenz ist hier entscheidend: Der Embryo hat nicht bloß die passive Möglichkeit, eines Tages zu denken (wie ein Marmorblock die passive Möglichkeit hat, eine Statue zu werden). Er hat die aktive Anlage dazu — er strebt von innen heraus auf die Entfaltung seiner Denk-, Willens- und Liebesfähigkeit hin. Kein Arzt muss dem Embryo sagen, wie er ein Gehirn bilden soll; kein Ingenieur muss ihm zeigen, wie man ein Herz baut. All das geschieht von innen, kraft des eigenen geistigen Lebensprinzips — der Geistseele, die seinen ganzen Leib von der ersten Zelle an durchformt.

Der Embryo lebt in der ersten Dimension des Personseins: dem grundlegenden geistigen Dasein, das noch kein aktuelles Bewusstsein voraussetzt. Er besitzt die unverlierbare Würde, die jedem Jemand zukommt. Die Trennung zwischen “nur biologischem” und “eigentlich personalem” Leben ist künstlich: Sein biologisches Leben ist von der ersten Sekunde an das Leben einer Person. Spaemann formuliert: “Es gibt keine potentiellen Personen.” Josef Seifert und Karol Wojtyła teilen diese Position, die sich gegen den empirisch-funktionalistischen Personbegriff (Singer, Locke) richtet.

Argumente, die das Personsein des Embryos tragen

Das Personsein des Embryos ergibt sich nicht aus einer einzelnen Beobachtung, sondern aus dem Zusammenspiel mehrerer Argumente:

Entwicklungsverlauf — Carnegie-Stadien (CS 1–23)

Die internationale Standardisierung der menschlichen Embryonalentwicklung folgt den 23 Carnegie-Stadien (O’Rahilly & Müller, Cells Tissues Organs 192:73–84, 2010). Sie ordnen den Embryo nicht nach Tagen im Mutterleib, sondern nach morphologisch definierten Schritten — das ist die einzige international vergleichbare Bezugsgröße. Für die personalontologische Argumentation sind besonders folgende Eckpunkte relevant:

  • CS 1 (Tag 1) — Zygote nach Syngamie. Beginn des neuen Organismus. Totipotenz.
  • CS 2 (Tag 2–3) — Furchung, Morula (2–16 Zellen). Totipotenz der frühen Blastomeren.
  • CS 3 (Tag 4–5) — freie Blastozyste; erste Liniendifferenzierung in innere Zellmasse (ICM, Quelle der naiven Pluripotenz) und Trophoblast.
  • CS 4–5 (Tag 6–12) — Implantation; bilaminare Keimscheibe; primed Pluripotenz im Epiblast.
  • CS 6–7 (Tag 17–19) — Primitivstreifen; Beginn der Gastrulation. Ende der monozygoten Zwillingsbildungs-Möglichkeit. Klassische Grenze der 14-Tage-Regel der ISSCR.
  • CS 8–12 (Tag 23–30) — Neurulation; Schluss von rostralem und kaudalem Neuroporus.
  • CS 10 (Tag 28) — erster Herzschlag; pharyngeale Bögen 1–2.
  • CS 13–23 (Tag 32–56) — Organogenese; am Ende alle Organprimordien angelegt.
  • Ab Woche 9 — Übergang in die Fetale Phase: Wachstum und Reifung der bereits angelegten Strukturen.

Diese Verlaufslogik ändert nichts am personalontologischen Befund — von CS 1 an liegt eine Person in der Ersten Dimension vor. Die Carnegie-Stadien beschreiben, wie sich diese Person entfaltet, nicht ob und wann sie entsteht.

Die Pluripotenz-Hierarchie (Toti- → naiv pluri- → primed pluri- → multi- → unipotent) ist in den ISSCR Standards for Human Stem Cell Use in Research (2023) kodifiziert. Sie ist eine Aussage über die Differenzierungs-Spielräume von Zellen, nicht über das Personsein des Organismus, dem sie angehören.

Auf zellulärer Ebene haben die HuDeCA-Zellatlanten die Embryonalentwicklung seit 2019 erstmals einzelzell-aufgelöst kartiert (Tyser/Srinivas 2021 für CS 7; Cao 2020, Suo 2022, Braun 2023 für die anschließenden Stadien). Die Atlanten ergänzen die morphologische Carnegie-Konvention um eine zelluläre Schicht — sie zeigen Zell-Schicksal-Entscheidungen als gradual und mehrgipflig, was die substanzontologische These vom Personbeginn am integralen Organismus bei CS 1 empirisch stützt.

Ontologische Einordnung: Oberbegriff: Pränatale Phase (als Embryonale Phase)

Kapitelzuordnung: Kapitel 4: Was ist menschliches Personsein? (bes. 4.4.3, 4.6.5, 4.7.3), Kapitel 1

Quellenangaben: Bexten 2017, S. 127–128 (Embryo und Substanz), S. 202–204 (Personsein von Anfang an), S. 233–236 (Embryo und erste Dimension).

Weitere Quellen:

  • Spaemann, Robert (1996): Personen. Versuche über den Unterschied zwischen „etwas” und „jemand”. Stuttgart: Klett-Cotta („Es gibt keine potentiellen Personen”).
  • Pöltner, Günther (2005): Ontologische Voraussetzungen der Debatte über den Embryonenschutz. In: Nowotny / Staudigl (Hg.), Perspektiven des Lebensbegriffs. Randgänge der Phänomenologie (Europaea memoria I/34), Georg Olms, Hildesheim.
  • Pöltner, Günther (2015): Menschennatur und Speziesismus. In: Rothhaar, Markus & Hähnel, Martin (Hg.): Normativität des Lebens – Normativität der Vernunft?. Berlin/München/Boston: De Gruyter, S. 251–270. (Zurückweisung des Speziesismus-Einwands gegenüber dem substanzontologischen Personbegriff.)
  • O’Rahilly, R. & Müller, F. (2010): Developmental Stages in Human Embryos: Revised and New Measurements. Cells Tissues Organs 192(2): 73–84. (Standardwerk der Carnegie-Stadien-Konvention.)
  • ISSCR (2023): Standards for Human Stem Cell Use in Research. International Society for Stem Cell Research. (Kodifiziert die Toti-/Naive Pluri-/Primed Pluri-/Multi-/Unipotenz-Hierarchie.)
  • Tyser, R. C. V.; Mahammadov, E.; Nakanoh, S.; Vallier, L.; Scialdone, A. & Srinivas, S. (2021): Single-cell transcriptomic characterization of a gastrulating human embryo. Nature 600(7888): 285–289. DOI: 10.1038/s41586-021-04158-y. (HuDeCA, CS 7.)
  • Cao, J.; O’Day, D. R.; Pliner, H. A.; … & Shendure, J. (2020): A human cell atlas of fetal gene expression. Science 370(6518): eaba7721. DOI: 10.1126/science.aba7721. (HuDeCA, ~4 Mio. Zellen, 15 Organe.)
  • Suo, C.; Dann, E.; Goh, I.; … Haniffa, M.; Teichmann, S. A. et al. (2022): Mapping the developing human immune system across organs. Science 376(6597): eabo0510. DOI: 10.1126/science.abo0510.
  • Braun, E.; Danan-Leon, M.; Hochgerner, H.; … & Linnarsson, S. (2023): Comprehensive cell atlas of the first-trimester developing human brain. Science 382(6667): eadf1226. DOI: 10.1126/science.adf1226.

Siehe auch: