Substanz (lat. substantia, wörtlich: das Darunterstehende) bezeichnet in der Philosophie ein eigenständiges Wesen — etwas, das in sich selbst steht und nicht bloß “etwas an etwas anderem” ist. Die Person ist eine Substanz in diesem Sinne: Sie ist der Träger aller ihrer Eigenschaften, geht aber in keiner ihrer Eigenschaften auf. Im Unterschied dazu sind hinzutretende Eigenschaften (Akzidenzien) wie Haarfarbe, Körpergröße oder Fähigkeiten etwas, das an einem eigenständigen Wesen haftet, aber nicht für sich allein stehen kann.

Aus dem Buch

“Alles, was ist — alles, was wirklich existiert oder in irgendeiner Form Bestand hat —, nennen wir ein Seiendes. Das ist der weiteste Begriff, den es gibt.”

Erste Fragen über das Sein, Kapitel 4

Boëthius hat im 6. Jahrhundert eingesehen, dass Person nicht im Bereich der Akzidenzien, sondern im Bereich der Substanz gesucht werden muss. Er schreibt: “Weil die Person nicht außerhalb von Natur sein kann und weil Person nicht in den hinzutretenden Eigenschaften angesetzt werden kann, so bleibt also, dass man Person als in den eigenständigen Wesen seiend aussagt.”

Seine berühmte Definition lautet: Die Person ist ein einmaliges eigenständiges Wesen mit vernünftiger Natur (rationalis naturae individua substantia). Damit ist das Personsein keine Eigenschaft neben anderen, sondern das Zugrundeliegende aller Fähigkeiten und Eigenschaften (vgl. Bexten 2017, S. 115—130).

Das substanzielle Sein der menschlichen Person ist dynamisch, nicht starr: Es ist ein “Sich-selber-Können” (Conrad-Martius). Die geistige Substanz ist das Dynamischste, was es gibt — gerade weil die Person ein eigenständiges Wesen ist, kann sie sich mitteilen, erkennen und lieben. Substanzsein heißt nicht Abgeschlossenheit, sondern Offenheit: Nur wer bei sich selbst ist, kann aus sich herausgehen. Die Substanzialität ist nie rein empirisch wahrnehmbar, sondern bedarf der geistigen Einsicht.

Kapitelzuordnung: Kapitel 4: Was ist menschliches Personsein? (bes. 4.5), Kapitel 3

Belebte Substanz

Substanz, die ein Lebensprinzip (Seele / ψυχή) besitzt. Die belebte Substanz unterscheidet sich von der Rein Stofflichen Substanz dadurch, dass sie ein inneres Prinzip des Lebens hat — eine Seele, die den Stoff durchformt und belebt.

Die thomistisch-aristotelische Tradition unterscheidet drei Stufen belebter Substanz: die Pflanzliche Substanz (vegetatives Lebensprinzip: Ernährung, Wachstum, Fortpflanzung), die Tierische Substanz (sensitives Lebensprinzip: Empfindung und Bewegung) und die Geistige Substanz (rationales Lebensprinzip: Erkenntnis, Freiheit, Liebe). Diese Stufung ist nicht bloß graduell, sondern wesensverschieden (vgl. Bexten 2017, S. 132–140).

Ontologische Einordnung:

Kapitelzuordnung: Kapitel 4: Personsein

Siehe auch: Person, Personsein, Menschliche Person, Form und Stoff, Seele, Leib-Seele-Einheit, Leib, Akt und Potenz, Würde, Jemand, Personverhalten, Erste Dimension, Erkenntnis, Freiheit, Embryo, Liebe, Natur, Agere sequitur esse, Personbegriff, Substanzontologischer Personbegriff, Basale Relationen, Metaphysik, Wesensgesetz, Urphänomen, Personalistische Norm, Innerlichkeit, Selbstbewusstsein, Vernunft, Intentionalität, Selbsttranszendenz, Demenz, Befruchtung, Biologisches Leben, Wahrheit, Einsicht, Zweite Dimension, Boëthius, Thomas von Aquin, Hedwig Conrad-Martius, Robert Spaemann, Aristoteles, Josef Seifert, Rene Descartes, Kapitel 4: Personsein, Kapitel 3: Personbegriff

Siehe auch: Substanz, Geistige Substanz, Tierische Substanz, Pflanzliche Substanz, Rein Stoffliche Substanz, Seele, Leben, Form, Aristoteles, Thomas von Aquin

Geistige Substanz

Substanz, die ein rationales Lebensprinzip besitzt und dadurch wesensverschieden von allen nicht-geistigen Substanzen ist. Die geistige Substanz ist die höchste Stufe des substantiellen Seins: Sie umfasst alles, was die belebte Substanz auszeichnet (Lebensprinzip), übersteigt es aber durch die Rationalität — die Fähigkeit zu Erkenntnis, freiem Willen und Liebe.

Die Person ist geistige Substanz. Diese These besagt nicht, dass die Person ein reiner Geist wäre (wie bei Descartes), sondern dass ihr substantielles Sein ein geistiges ist — auch und gerade als leibliches Wesen. Die menschliche Person ist geistige Substanz im Leib. Geistige Substanz ist disjunkt mit Tierischer Substanz: Der Unterschied zwischen Person und Tier ist kein gradueller, sondern ein wesenhafter (vgl. Bexten 2017, S. 132–150).

Ontologische Einordnung:

Ontologische Beziehungen:

Kapitelzuordnung: Kapitel 4: Personsein

Siehe auch: Belebte Substanz, Person, Substanz, Tierische Substanz, Seele, Leib-Seele-Einheit, Geistiges Sein, Erkenntnis, Freier Wille, Liebe, Thomas von Aquin, Boëthius

Pflanzliche Substanz

Belebte Substanz mit vegetativem Lebensprinzip (Ernährung, Wachstum, Fortpflanzung). Die Pflanzliche Substanz ist die niedrigste Stufe der belebten Substanz: Sie besitzt ein Lebensprinzip (Seele), aber nur in der vegetativen Form — ohne Empfindung (wie beim Tier) und ohne Geist (wie bei der Person).

Die Pflanzliche Substanz übertrifft die Rein Stoffliche Substanz an Dignität, wird aber von der Tierischen Substanz übertroffen. Die Grundwirklichkeitsform der menschlichen Person ist nicht reduzierbar auf pflanzliche Substanz (vgl. Bexten 2017, S. 132–140).

Ontologische Einordnung:

Ontologische Beziehungen:

Kapitelzuordnung: Kapitel 4: Personsein

Siehe auch: Belebte Substanz, Tierische Substanz, Rein Stoffliche Substanz, Geistige Substanz, Substanz, Grundwirklichkeitsform, Seele

Rein Stoffliche Substanz

Substanz ohne Lebensprinzip; anorganisches Seiendes (z. B. Steine, Mineralien). Die Rein Stoffliche Substanz ist die niedrigste Stufe des substantiellen Seins: Sie steht unter den belebten Substanzen (Pflanzen, Tiere, geistige Substanzen) und ist von ihnen wesensverschieden.

Die Grundwirklichkeitsform der menschlichen Person ist nicht reduzierbar auf rein stoffliche Substanz: Das Personsein lässt sich nicht aus physikalischen oder chemischen Prozessen ableiten. Die Pflanzliche Substanz übertrifft die Rein Stoffliche Substanz an Dignität (vgl. Bexten 2017, S. 132–140).

Ontologische Einordnung:

Ontologische Beziehungen:

  • wird an Dignität übertroffen von: Pflanzliche Substanz
  • Grundwirklichkeitsform ist nicht reduzierbar auf: Rein Stoffliche Substanz

Kapitelzuordnung: Kapitel 4: Personsein

Siehe auch: Substanz, Belebte Substanz, Pflanzliche Substanz, Tierische Substanz, Geistige Substanz, Grundwirklichkeitsform

Substanzialität

Substanzialität meint das Eigenständig-Sein der Person. Die menschliche Person ist ein ens per se, ein Seiendes, das in sich selbst steht und nicht bloß eine Eigenschaft an etwas anderem ist. Diese Substanzialität ist nicht als Starrheit oder Abgeschlossenheit zu verstehen. Sie ist ein dynamisches Insichstehen, das die Voraussetzung für alle Selbstmitteilung, Erkenntnis und Liebe bildet. Hedwig Conrad-Martius spricht vom “Sich-selber-Können” der geistigen Substanz — gerade weil die Person bei sich selbst ist, kann sie aus sich herausgehen.

Die Substanzialität des Personseins ist nie rein empirisch wahrnehmbar, sondern bedarf der geistigen Einsicht. Sie gründet in der ersten Dimension des Personseins und bleibt erhalten, solange die Person existiert (vgl. Bexten 2017, S. 115—145).

Tierische Substanz

Belebte Substanz mit sensitivem Lebensprinzip (Empfindung, Bewegung), aber ohne geistiges Sein. Die Tierische Substanz steht in der Stufenordnung des Seienden über der Pflanzlichen Substanz (die nur vegetatives Leben hat) und unter der Geistigen Substanz (die rationales Leben besitzt).

Die Tierische Substanz ist disjunkt mit der Geistigen Substanz: Der Unterschied zwischen Tier und Person ist kein gradueller, sondern ein wesenhafter. Das Tier empfindet, aber erkennt nicht im eigentlichen Sinne; es reagiert, aber handelt nicht frei; es hat Triebe, aber keine Liebe. Die Grundwirklichkeitsform der menschlichen Person ist nicht reduzierbar auf tierische Substanz. Die Person übertrifft die Tierische Substanz an Dignität (vgl. Bexten 2017, S. 132–140). Innerhalb der tierischen Substanz unterscheidet die Ontologie zwischen höheren Tieren (mit zentralisiertem Nervensystem und belegter Empfindungsfähigkeit) und niederen Tieren — eine rein innertierische Differenzierung, die die Wesensverschiedenheit zur Person unberührt lässt.

Ontologische Einordnung:

Ontologische Beziehungen:

Kapitelzuordnung: Kapitel 4: Personsein

Siehe auch: Belebte Substanz, Pflanzliche Substanz, Geistige Substanz, Rein Stoffliche Substanz, Substanz, Grundwirklichkeitsform, Person

Quellenangaben: Bexten 2017, S. 138–141, 186–193, 248–258 (Substanzialität der Person).

Weitere Quellen:

  • Boëthius (ca. 512–522): Contra Eutychen et Nestorium (Liber de persona et duabus naturis), Kap. 3.
  • Conrad-Martius, Hedwig (1957): Das Sein. München: Kösel.

Ontologische Einordnung: Oberbegriff: Seiendes; Unterbegriffe: Belebte Substanz, Rein Stoffliche Substanz

Ontologische Beziehungen: