Die grundlegende Fähigkeit der Person, affektiv berührt und bewegt zu werden. Affektivität ist keine bloße Begleiterscheinung der Rationalität, sondern ein eigenständiges Organ der Werterfassung. Sie ist Wesenscharakteristikum der Person und Voraussetzung der Wertantwort.

In der realistischen Phänomenologie wird die Affektivität nicht als bloß subjektives Gefühlsleben verstanden, sondern als intentionales Vermögen, das objektive Werte zu erfassen vermag. Die Person wird durch Werte affektiv berührt — Ehrfurcht, Freude, Trauer, Empörung sind nicht blinde Gefühle, sondern Antworten auf wirklich Werthaftes. Ohne Affektivität könnte die Person die Welt der Werte nicht erschließen (vgl. Bexten 2017, S. 150–155).

Affektivität als intentionales Vermögen

Die entscheidende Einsicht der personalontologischen Analyse liegt in der Unterscheidung zwischen bloßen Zuständen und intentionalen Gefühlen. Ein Zahnschmerz ist ein bloßer Zustand — er verweist auf nichts jenseits seiner selbst. Die Ehrfurcht vor einer Person hingegen, die Freude über ein Kunstwerk, die Trauer über einen Verlust — dies sind intentionale Akte. Sie sind auf einen Gegenstand gerichtet und erfassen dessen Wert. In dieser Intentionalität zeigt sich die Affektivität als echtes Erkenntnisorgan. Sie erschließt eine Dimension der Wirklichkeit, die dem reinen Verstand verschlossen bliebe.

Hierin liegt auch der fundamentale Unterschied zur Passion. Die Passion ist ein psychisches Widerfahrnis, das die Person erleidet. Die intentionale Affektivität hingegen ist eine geistige Antwort, in der die Person sich frei zu einem Wert verhält. Beide gehören zur affektiven Sphäre der Person. Doch nur die intentionale Affektivität ist im eigentlichen Sinne Werterfassung.

Affektivität und Rationalität

Die abendländische Philosophie hat die Affektivität lange zugunsten der Rationalität vernachlässigt oder gar als deren Gegenspieler betrachtet. Die personalontologische Analyse zeigt demgegenüber: Rationalität und Affektivität sind keine Gegensätze, sondern komplementäre Wesenscharakteristika. Die Person ist zugleich vernünftig und affektiv. Erst in der Einheit beider erschließt sich ihr die Wirklichkeit in ihrer vollen Tiefe. Die Rationalität erfasst das Wahre, die Affektivität das Werthafte. Beides gehört zum vollständigen Weltzugang der Person.

Notwendig und unverlierbar

Als Wesenscharakteristikum ist die Affektivität notwendig und unverlierbar. Auch ein Mensch, dessen affektives Erleben durch Krankheit eingeschränkt ist, besitzt ontologisch die Fähigkeit zur affektiven Berührung. Die Affektivität gehört zum Sein der Person, nicht bloß zu ihrem aktuellen Erleben.

Ontologische Einordnung:

Ontologische Beziehungen:

Kapitelzuordnung: Kapitel 4: Personsein

Freude

Freude ist eine grundlegende affektive Antwort der Person auf das, was als gut und wertvoll erfahren wird. Sie gehört zur Affektivität des Menschen und ist mehr als ein bloßes Lustgefühl: In der Freude antwortet die ganze Person auf eine Begegnung mit dem Guten — sei es die Freude über die Existenz eines geliebten Menschen, über eine gewonnene Einsicht oder über die Schönheit der Welt.

Die personalistische Philosophie unterscheidet zwischen sinnlicher Lust und geistiger Freude. Sinnliche Lust ist an den Leib gebunden und vergeht mit dem Reiz. Geistige Freude dagegen kann den ganzen Menschen erfüllen und über den Augenblick hinaus bestehen. In der dritten Dimension des Personseins zeigt sich Freude besonders als Frucht der Liebe: Wer den anderen als Jemand bejaht, erfährt darin eine Freude, die tiefer reicht als jede Befriedigung. Sie ist das affektive Gegenstück zur Trauer, die als Antwort auf das Verlorene ebenso zum personalen Leben gehört.

Leid

Leid ist die Erfahrung von Schmerz, Verlust oder Übel, die die ganze Person betrifft — leiblich, seelisch, geistig. Leid kann durch Krankheit, Schuld, Ungerechtigkeit oder unverschuldetes Übel entstehen. Es mindert nie die ontologische Würde der Person, auch wenn es die Aktualisierung der Dimensionen des Personseins erschweren kann.

Die personale Erfahrung des Leidens offenbart die Verletzlichkeit und Kontingenz des menschlichen Daseins. Besonders das unverschuldete Leid stellt die schwerste Herausforderung für jede Ethik dar. Die angemessene Antwort auf das Leid eines Anderen ist die personale Zuwendung in medizinischer Pflege, palliativer Pflege und mitmenschlicher Solidarität.

Siehe auch: Wertantwort, Ehrfurcht, Herz, Individualität, Einmaligkeit, Person, Erkenntnis, Werte, Liebesvermögen, Wahrheitsfähigkeit, Freier Wille, Bewusstsein, Intentionales Gefühl, Passion, Rationalität, Wesenscharakteristikum, Dietrich von Hildebrand, Max Scheler

Siehe auch: Unverschuldetes Leid, Krankheit, Person, Würde, Kontingenz, Palliative Pflege, Stimmung

Passion

Unwillkürliche affektive Bewegung, die der Person widerfährt. Passionen sind nicht in sich sittlich gut oder böse, sondern werden es durch die Stellungnahme des freien Willens. Sie gehören als personaler Akt zum Vollzug des personalen Lebens, stehen aber in einem besonderen Verhältnis zur Freiheit: Die Person erleidet sie zunächst, kann und muss dann aber Stellung zu ihnen nehmen.

Die Passion unterscheidet sich vom intentionalen Gefühl dadurch, dass sie der Person widerfährt. Das intentionale Gefühl hingegen ist eine gerichtete Antwort auf einen erfassten Wert. Thomas von Aquin behandelt die passiones animae ausführlich in der Summa Theologiae (S.Th. I-II, qq.22–48). Er unterscheidet elf Grundpassionen, geordnet nach dem concupisciblen und irasciblen Strebevermögen. Entscheidend ist: Die Passionen sind nicht zu unterdrücken, sondern zu integrieren. Sie sind ein wesentlicher Bestandteil der Affektivität der Person und können — recht geordnet — den sittlichen Akt sogar verstärken.

Die thomistische Tradition betont, dass die sittliche Qualität einer Passion von der Wertantwort abhängt, die die Person ihr gibt. Ein Zorn, der sich gegen Ungerechtigkeit richtet und vom Willen bejaht wird, kann sittlich gut sein. Derselbe Zorn, der sich unkontrolliert entlädt, verfehlt die personale Integration.

Die Tugend besteht nicht in der Gefühllosigkeit (apatheia im stoischen Sinne), sondern in der rechten Ordnung der Passionen durch die Vernunft und den freien Willen. Die Person erweist sich gerade darin als Person, dass sie zu ihren Passionen Stellung nimmt und sie in den Dienst des Guten stellt (vgl. Bexten 2017, S. 150–160).

Ontologische Einordnung:

Ontologische Beziehungen:

Kapitelzuordnung: Kapitel 4: Personsein

Siehe auch: Affektivität, Freier Wille, Wertantwort, Intentionales Gefühl, Person, Personaler Akt, Tugend, Thomas von Aquin

Scham

Scham ist eine zutiefst personale Erfahrung, in der der Mensch seine eigene Verletzlichkeit und Intimität schützt. Sie zeigt sich dort, wo etwas Innerliches — das zur Innerlichkeit der Person gehört — ungeschützt dem Blick der Anderen ausgesetzt wird. Ebenso zeigt sie sich dort, wo die Person hinter dem eigenen sittlichen Anspruch zurückbleibt. Scham ist kein bloß psychologisches Phänomen, sondern ein personales Urphänomen. Sie setzt Selbstbewusstsein, ein Wissen um die eigene Würde und die Fähigkeit zur Selbstbeurteilung voraus.

Karol Wojtyła hat die Scham als “Schutzinstinkt der Person” gedeutet. Sie bewahrt davor, als bloßes Objekt betrachtet oder zum Ding reduziert zu werden. Leibliche Scham schützt die Leib-Seele-Einheit des Menschen vor dem begehrlichen Blick, der die Person auf ihren Körper reduziert. Sittliche Scham zeigt an, dass die Person sich selbst als verantwortlich für ihr Handeln erfährt. Sie steht in enger Verbindung zur Reue und zum Gewissen. Wo Scham fehlt oder systematisch unterdrückt wird, droht eine Abstumpfung gegenüber der Würde der Person.

Stimmung

Eine Stimmung ist ein nichtintentionaler affektiver Zustand, der nicht auf einen bestimmten Gegenstand gerichtet ist, aber das gesamte Erleben der Person färbt. Beispiele für Stimmungen sind Heiterkeit, Schwermut oder Angst. Im Unterschied zu intentionalen Gefühlen, die sich auf einen bestimmten Wert oder Gegenstand richten, durchzieht die Stimmung das gesamte Weltverhältnis der Person.

Stimmungen gehören zur leiblich-seelischen Verfassung der Person und bezeugen die Einheit von Leib und Seele. Sie sind Teil jener somatischen und psychischen Dynamismen, die in der Integration der Person in den freien personalen Akt einbezogen werden sollen. Eine Stimmung ist kein Personsein mindernder Zustand, sondern Ausdruck der lebendigen Ganzheit der Person.

Siehe auch: Person, Leib, Seele, Integration der Person, Affektivität, Leid

Trauer

Trauer ist die tiefe affektive Antwort der Person auf einen Verlust — insbesondere auf den Verlust eines geliebten Menschen. Sie gehört zur Affektivität des Menschen und bezeugt die Wirklichkeit personaler Verbundenheit: Nur wer wirklich geliebt hat, kann wirklich trauern. Trauer ist daher kein Zeichen von Schwäche, sondern Ausdruck der Tiefe, die dem personalen Leben eigen ist.

Aus personalontologischer Sicht offenbart die Trauer mehreres zugleich: Sie zeigt, dass die Liebe nicht bloß ein Gefühl ist, das mit dem Anlass verschwindet, sondern eine personale Haltung, die den Verlust überdauert. Sie zeigt die Leib-Seele-Einheit des Menschen, denn Trauer ergreift den ganzen Menschen — leiblich und geistig zugleich. Und sie zeigt die Tiefe der interpersonalen Beziehung: Der Andere war kein austauschbarer Funktionsträger, sondern ein unverwechselbarer Jemand. Die Trauer ist das affektive Gegenstück zur Freude und gehört wie diese zu den personalen Grunderfahrungen, die nur einem geistigen Wesen möglich sind.

Unverschuldetes Leid

Unverschuldetes Leid ist Leid, das die Person trifft, ohne dass sie es durch eigene Schuld verursacht hat. Es stellt die schwerste Herausforderung für jede Ethik dar und verweist auf die Frage nach dem letzten Sinn des Leidens. Im unverschuldeten Leid zeigt sich die radikale Kontingenz und Verletzlichkeit des menschlichen Daseins in ihrer schärfsten Form.

Unverschuldetes Leid ist eine Unterform des Leids und lässt sich nicht durch Verweis auf eigene Schuld oder Kausalzusammenhänge auflösen. Die ontologische Würde der leidenden Person bleibt ungemindert. Die Personalistische Norm fordert, dem unverschuldet Leidenden nicht mit theoretischen Erklärungen, sondern mit personaler Zuwendung und Bejahung zu begegnen.

Siehe auch: Leid, Person, Würde, Kontingenz, Personalistische Norm, Palliative Pflege

Quellenangaben: Bexten 2017, S. 259–270 (Zweite Dimension: affektiv-bewusstes Sein).

Weitere Quellen:

  • Hildebrand, Dietrich von (1973): Ethik. In: Gesammelte Werke, Bd. II. Regensburg: Habbel (zur Affektivität als eigenständigem Organ der Werterfassung).
  • Scheler, Max (1913/1916): Der Formalismus in der Ethik und die materiale Wertethik. Halle: Niemeyer (zur intentionalen Gefühlstheorie und Werterfassung).
  • Thomas von Aquin: Summa Theologiae I-II, qq. 22–48 (zur Lehre von den passiones animae).
  • Wojtyła, Karol (1969): Osoba i czyn. Kraków (dt.: Person und Tat, Freiburg: Herder, 1981) (zur Integration der Affektivität in den personalen Akt).
  • Wust, Peter (1937): Ungewissheit und Wagnis. Salzburg/Leipzig: Anton Pustet (zum unverschuldeten Leid und zur Kontingenz des Daseins).